Stadt, Land, See

Hallo,

Wir werden heute um ca. 20.00 Uhr mit dem Bus bei Ihnen ankommen.

guten morgen und ok, aber wolltet ihr nicht mit dem rad fahren?

Man muss die Leute überraschen können. In Frankreich bringen wir die Leute völlig aus dem Konzept, wenn wir mit dem Fahrrad anreisen; hier in Brandenburg kann sich offenbar niemand vorstellen, dass man sich zu Fuß fortbewegen kann.

Doch das ist der Plan. In den letzten Jahren haben wir einige Mittelgebirge erwandert. Dieses Jahr gibt es statt dessen Flachland, Seen und Kieferwälder. Von Kloster Lehnin geht es über Potsdam bis nach Berlin.

Nach einer kleinen Himmelfahrt mit Bus und Bahn kommen wir pünktlich um acht Uhr in Lehnin an. Auf dem Hof unserer Unterkunft findet gerade eine kleine Feier statt. Das angebotene Bier schlagen wir erst mal aus und begeben uns zum See. Doch als wir zurückkehren, singt die kleine Gesellschaft gerade lautstark die Biene Maja und Pippi Langstrumpf ab. Wir sehen ein, dass ohne Alkohol an Schlaf nicht zu denken ist und so sitzen wir kurz darauf mit am Tisch und feiern den 50. Geburtstag unseres Gastgebers mit.

🚶

Wo habter denn Eure Fahrräder jelassen?

Auch in unserer nächsten Unterkunft in Ferch kann sich offensichtlich niemand vorstellen, durch die umliegenden Wälder zu laufen wo es doch Fahrräder gibt.

Dabei ging das überraschend gut. Früh am Morgen – auch wenn es uns schwer gefallen ist – brechen wir auf. So haben wir noch einige kühle Stunden, bevor die Sonne auch die Wälder auf über 30 Grad erhitzt.

Bis Mittags sehen wir keinen Menschen. Wir sind hier heute die ersten, die Millionen von Laubfröschen und eine Ringelnatter aufschrecken. Zwischendurch glitzert immer mal wieder ein See durch die Bäume oder der Blick öffnet sich plötzlich am Waldrand auf die weite Landschaft. Wandern ohne Berge kann erstaunlich abwechslungsreich sein.

Am späten Mittag erreichen wir Ferch. Die Temperatur hat mittlerweile Backofenniveau erreicht. Den Rest des Tages verbringen wir im Strandbad.

🚶

De vony velosypedy ?

Kann sein, dass die gute Dame an der Rezeption unserer Pension in Potsdam das gefragt hat. Ich weiß es leider nicht. Die Anmeldung in unserer heutigen Unterkunft war jedenfalls ganz großes Tennis.. Zusammen mit einer fünfköpfigen Reisegruppe stehen wir vor unserer Pension. Als sich die Tür endlich öffnet, steht vor uns eine sichtlich überforderte Frau, die in russischer Sprache auf uns einredet. Als sie nicht weiter kommt, ruft sie nach hinten ihre Babuschka, die helfen soll. Die alte Dame ist deutlich kompetenter und zeigt keine Spur von Überforderung. Deutlich selbstbewusster redet sie auf uns ein – auf russisch. Damit hat sich unser Plan, in der Unterkunft zu fragen, wo man gut essen kann, wohl erledigt.

Immerhin findet sich später im Hof der Pension eine Frau, die übersetzen kann, die sich aber nach einer kurzen Klärung der wichtigsten Fragen um die Reisegruppe kümmert, so dass wir den Rest der Anmeldeprozedur nur mit Hilfe von Gesten hinter uns bringen.

Die Pension selbst ist diesmal sehr nett. Die Besitzer scheinen ein Faible für Flohmärkte zu haben. Die Zimmer sind daher mit alten Möbeln recht gemütlich eingerichtet und im Frühstücksraum gibt es eine Vitrine, wo man allerlei Trödel kaufen kann. Der Garten grenzt ans Wasser, wo ein Schiff mit zusätzlichen Zimmern liegt und auf dessen Oberdeck wir uns Abends noch von den Strapazen des vergangenen Tages erholen.

Die waren bei über 30 Grad Tagestemperatur nicht unerheblich.

Die Etappe beginnt schon mit einem kurzen knackigen Anstieg zu dem sich noch einmal etliche Stufen auf eine Aussichtsplattform addieren. Hinter Ferch ist das Havelland nämlich gar nicht mehr so flach. Immerhin verläuft die Strecke bis Potsdam überwiegend durch den Wald, wo sich die Hitze aushalten lässt und auch ein mittägliches Bad im Caputher See hilft die Hitze zu ertragen.

Als wir jedoch Potsdam erreichen erschlägt uns die Hitze in der Stadt fast. In der französischen Kirche können wir uns etwas abkühlen. Danach beschränken wir das restliche Sightseeingprogramm auf einen kurzen Schlenker durch die Stadt und das holländische Viertel bevor wir uns zu unserer Unterkunft aufmachen.

🚶

Bar oder Karte? Meldeschein. Schlüsselkarte. Mehr interessiert in unserem letzten Hotel in Berlin nicht. Ein ganz normales Hotel mit den üblichen Standards. Langweilig aber professionell, egal ob man mit dem Rad oder zu Fuß anreist.

Tatsächlich hatten wir heute auch noch einen Teil Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln mit dabei.

Unseren bisherigen europäischen Weitwanderweg E11 verlassen wir in Berlin. Dafür folgen wir ab der Glienicker Brücke dem Mauerweg.. Der verläuft sehr schön durch Parks, am Wasser oder durch interessante Villenviertel, ist aber als Themenweg noch steigerungsfähig.. Bis auf ein paar Hinweise auf Maueropfer gibt es wenig Informationen.

Nachdem wir den Mauerweg dann zum Schluss auch noch einige Kilometer schnurgerade und immer auf der Hut vor rasenden Radfahrern durch den den Wald gelaufen sind, wird uns das zu langweilig. Wir lassen den Rest der geplanten Strecke sausen und biegen ab zur S-Bahn-Station Wannsee. Von dort fahren wir zwei Stationen und laufen den Rest der Strecke statt der geplanten Route im nördlichen Grunewald über den Teufelsberg. Die ehemalige Abhörstatiion auf dem Berg überrascht. Ich hatte eine schöne Aussicht und ein paar alte Gebäude erwartet. Statt dessen finden wir eine Mischung aus Müllhalde und Streetart-Museum vor. Das ganze macht durchaus Spaß und hat seinen Charme. Wenn auch mehr wie ein Autounfall. Ob man will oder nicht, man muss immer wieder hingucken.

Den Rest des Tages verbringen wir, bevorzugt im Schatten, sehr angenehm im hochsommerlichen Berlin bis nachts irgendwann ein Gewitter der Backofenluft ein Ende macht.

 

Highway to Hell

Highway to Hell?  War es so schlimm?
Nein, Gottseidank nicht. Aber der Ausdruck kam uns während der Tour öfters mal unter und angesichts der Wetterprognose, inklusive Unwetterwarnung, hätte es durchaus so kommen können.

Strecken bei GPSies.com

Mind the GAP

„Jetzt kommt gleich der See. Da, …da ist er!“ Der alte Mann neben mir im Zug nach Garmisch-Partenkirchen  zeigt aufgeregt in die Wolken. Sein Enthusiasmus wirkt fast schon ansteckend nur ist leider nirgends Wasser zu sehen. Am Arm hat er eine Blindenbinde und auf der Jacke zusätzlich ein Schild, das auf seine Hörbehinderung hinweist. Sich von einem Blinden Passagier die Welt vor dem Zugfenster erklären zu lassen ist ein wenig schräg aber kurzweilig. Nachfragen hilft leider nicht, weil er nicht hört und so ist das Gespräch etwas einseitig.

Das Endziel unsere Bahnfahrt ist Mittenwald. Von hier soll es in den nächsten Wochen ohne festen Plan im Zickzack durch Bayern gehen. Vielleicht bis Regensburg. Für uns ist Bayern ein ziemlich exotisches Ziel. Gebucht sind lediglich die ersten beiden Nächte in Mittenwald damit wir vorher noch etwas wandern können.

Beim Ausstieg aus dem Zug werden wir mit der Ansage „Mind the gap“ verabschiedet. Mag sein, dass die Lücke zwischen Bahn und Bahnsteigkante gemeint ist, aber ganz sicher bin ich nicht. Jedes Auto fährt hier mit dem Autokennzeichen GAP herum.

Der Ort liegt in einer grandiosen Bergkulisse, ist touristisch straff durchorganisiert, kitschig bunt und erfüllt jedes Klischee von Bayern, dass uns durch den Kopf spukt. Man kann muss hier jeden Tag Blasmusik hören, sieht überall Dirndl und Lederhosen und bekommt für 8 Euro die kleinste Lasagne der Welt. Immerhin ist unsere Wanderung, unter anderem über spektakuläre Eisenstege durch die etwas übervermarktete Leutaschklamm, trotz Regenwetter sehr schön. Möglicherweise aber auch wegen des Regenwetters.

Es ist für uns wirklich verblüffend, dass das ganze krachlederne keine Touristenfolklore ist. Sonntags gehen ganze Familien inklusive Kleinkind in Tracht zum Sonntagsspaziergang, überall stehen Männer in kurzen Lederhosen herum,  ständig  zieht irgendwo eine Blaskapelle durch’s Städtchen und während einer Länge von zwei Kugeln Eis haben sich mindestens fünf Menschen den Aushang der Kirche durchgelesen (Montag, 9.00 Uhr, Antonifest. Pontifikalamt mit dem hochwürdigsten Weihbischhof und Volksmusik mit Bläserbegleitung).

 

In die große Stadt
Bad Tölz (60km), München (60km)

Als es endlich mit der Radtour losgeht, sind wir erleichtert. So ein Wandertag ist ja schön aber jetzt haben wir genug vor den grauen Berg geguckt. Das wechselhafte Wetter hat es uns nicht einfacher gemacht und Mittenwald wird wohl nie unser Lieblingsurlaubsort werden. Aber jetzt wird alles gut. Die Sonne lacht, die Temperaturen sind angenehm und wenn die Strecke nicht gerade an einer Bundesstraße entlang führt, ist sie traumhaft schön. Einer der schönsten Teile beginnt hinter Krün auf einer Straße, die für Autos mautpflichtig ist. Die grandiose Landschaft ist allerdings nur für uns Radfahrer da. Autofahrer scheinen den Ehrgeiz zu haben, die Strecke möglichst schnell hinter sich zu bringen um so schnell, wie es geht, wieder auf der kostenlosen Bundesstraße fahren zu können.

Bad Tölz ist schon eine kleine Überraschung. Bunte Häuser, unbekannte Biersorten, blauweiße Fahnen: Alles wie gehabt. Aber gegenüber Mittenwald geht es hier fast urban zu. Ganz normale Menschen mit ihren ganz normalen Dingen. Außerdem gibt es überall schöne Plätze, an denen man den sonnigen Abend genießen kann.

Die Isarradweg-Etappe nach München findet weitgehend ohne die Isar statt. Dafür geht es, oft über Schotterwaldwege und ziemlich heftig, immer auf und ab. War die Isar vor Bad Tölz noch ein Wildfluss, der durch Kiesbänke mäandrierte, ist sie beim nächsten Kontakt schon ein Kanal.

An einem Wehr machen wir Pause. Davor liegt schon ein Floß mit vielen betrunkenen Menschen. Offensichtlich ein Betriebsausflug. Die Auszubildende läuft etwas verloren herum und die ältliche Sekretärin bewegt sich etwas unsicher auf den rohen Holzstämmen. Für das nötigste ist gesorgt: Ein Grill qualmt, mehrere Fässer Bier sind fest installiert, hinter einem weißblauen Vorhang steht ein kleines Klo und in der Mitte des Floßes gibt es eine kleine Bühne für die Musiker. Als diese sich ihre Instrumente umhängen, befürchten wir nach unseren Erfahrungen in Mittenwald schon das schlimmste. Doch dann legt das Floß ab und die ersten rockigen Akkorde von „Highway To Hell“ erklingen bevor das Floß unter lautem Gejohle eine überdimensionierte Bootsrutsche hinunterrauscht.

Radreise_2016-159124546

Kurz vor München kann man schon mal ein kleines Bad in der Isar wagen. Es ist noch nicht richtig warm aber mittlerweile frieren einem schon nicht mehr die Füße ab. Nach einem sonnigen Tag und einer recht anspruchsvollen Etappe mit einigen Steigungen und vielen Schotterwegen ist das die richtige Erfrischung.

Den Abend verbringen wir bei sommerlichen Temperaturen dann im englischen Garten. Wir schauen den Eisbachsurfern zu, genießen die Freibadatmosphäre auf den Wiesen und sitzen am Ende  im Milchhäusl und lassen den ganzen Auflauf an uns vorbeiziehen.

Urlaub auf dem Bauernhof
Bierdorf (55km)

Nach einem weiteren Tag in Münchener Geschäften und an Münchener Isarstränden zieht es uns weiter. Das Wetter für die nächsten Tage verspricht zwar nichts Gutes aber irgendwann möchten wir mal etwas zur Ruhe kommen. Im Internet habe ich einen Bauernhof am Ammersee mit einer kleinen Wohnung gefunden. Dort können wir vielleicht ganz entspannt die vorhergesagten Regentage abwarten. Wobei, eigentlich wollten wir ja gar nicht mehr in Wetterapps schauen. Bisher waren sie nur Spaßbremsen, während das Wetter meistens dann doch besser wurde als vorhergesagt. Wir hatten allerdings auch Glück. In vielen Orten ringsum war in den letzten Tagen Landunter, die Bahnstrecke nach Mittenwald ist mittlerweile gesperrt, aber immer ein paar Kilometer weiter, nie bei uns. Diesmal aber erwischt es uns. Kaum sind wir aus München heraus fängt es an zu regnen und hört erst wieder auf, als wir in Bierdorf ankommen. Schuhe und Kleidung sind durch und durch nass.  Der Ammersee-Radweg führt recht unspektakulär über hauptstraßenbegleitenden Radwege. Bei diesem Wetter ist uns das aber ganz recht. Erst auf dem letzten Stück am Ammersee wird der Weg landschaftlich schöner – und zur Schlammschlacht.

In Utting fahren wir an einem dieser Kinderbelustigungsfeldlabyrinthe vorbei. Hier werden die Kinder statt durch Mais durch ein Labyrinth von Sonnenblumen und Hanf gejagt. Hanf? Tatsächlich Hanf. Coole Idee. Bestimmt wird das alles hinterher wieder untergepflügt. Oder die machen Kälberstricke draus. Wer’s glaubt…

Unser Bauernhof hält, was wir uns davon versprochen haben. Eine gemütliche kleine Wohnung mit Kachelofen. Ab und zu riecht es mal etwas nach Kuhstall damit auch nicht vergisst, wo man sich befindet. Dazu gehört ein sehr gepflegtes Seegrundstück auf dem es sogar ein Kanu gibt, welches wir ausgiebig nutzen, und passend dazu verwöhnt uns der Tag nach unserer Regenfahrt mit Sonne und angenehmen Temperaturen. Doch schon die nächsten Tage bringen wieder wechselhaftes, regnerisches Wetter und es reift der Plan, die dritte Woche lieber noch am Meer zu verbringen. Bei diesem Wetter ist fahren besser als zu bleiben und auf schöneres Wetter zu warten. Wir werden noch bis Regensburg fahren, dort die Tour beenden und dann nach Usedom fahren. Die Idee, hier in Bayern ein sonniges Plätzchen am Wasser zu finden, können wir wohl aufgeben.

Mit dem Zug fahren wir noch einmal zurück nach München um uns für kommende Regenfahrten mit Gamaschen zu versorgen, damit beim nächsten Regentag wenigstens die Füße trocken bleiben.

Der Bahnhofsvorsteher von Riederau tut uns ein wenig leid. Seine einzige Aufgabe ist es, ein Schild zu bewachen. Er nimmt seine Aufgabe aber offensichtlich sehr ernst. Als wir den Bahnhof für unsere Fahrt nach München erreichen, geht dummerweise gerade die Schranke herunter. Der Zug fährt ein, die Schranke bleibt aber geschlossen. Nun ist auf einer eingleisigen Strecke die Gefahr gering, dass der Zug noch mal zurücksetzt um uns zu überfahren, zumal an anderen Bahnhöfen der zweite Bahnsteig nur durch Überqueren  der Gleise zu erreichen ist. So überqueren wir bei geschlossener Schranke das Gleis um direkt auf den Bahnsteig einzubiegen, der noch zwischen den Schranken direkt am Bahnübergang endet. Es empfängt uns ein cholerisches Donnerwetter besagten Bahnhofsvorstehers. Wir ignorieren das und besteigen schnell den Zug. Die Fahrkarten können wir unter den mitleidigen Blicken der anderen Fahrgäste gottlob drinnen lösen.

Auf der Rückfahrt schlagen wir ganz selbstverständlich und gedankenverloren den selben Weg zum Ende des Bahnsteigs ein. Immerhin ist die Schranke nun offen. Plötzlich geht hinter uns wieder das bekannte Donnerwetter los. Haben wir doch das Schild übersehen, dass am Ende des Bahnsteigs den Durchgang verwehrt. Man muss hier tatsächlich erst ein Blumenbeet umrunden um hinter das Schild zu kommen. Dem Bahnhofvorsteher obliegt offenbar die Aufgabe, darauf zu achten, dass auch jeder Fahrgast diesen kleinen Bogen mitnimmt. Wir tun ihm diesen kleinen Gefallen damit er heute mit dem guten Gefühl nach Hause gehen kann, dass der Tag nicht völlig erfolglos war.

Unser letzter Tag in Bierdorf verwöhnt uns noch mal mit sonnigen, allerdings auch windigem und relativ kühlem Wetter. Mit dem Schiff fahren wir nach Herrsching um von dort zum Kloster Andechs zu wandern. Der Schiffsführer erzählt uns mit großem komödiantischen Geschick Daten über das Schiff und das Kloster. Die Hälfte davon verstehen wir sogar. Auf Kloster Andechs herrscht das zu erwartende Gedränge aber die Wanderung dort hin ist sehr schön. Zählt Bier trinken im Klosterbiergarten eigentlich schon als Wallfahrt? Oder gehört eine Buße dazu? Beispielsweise einen Viererträger Andechsbräu, das man am Ammersee überall kaufen kann, den Berg hinunter tragen.

Zur Donau
(Dachau 55 km, Reichertshofen 76 km, Kelheim 58 km)

Der letzte Abschnitt unserer Tour soll uns an Amper und Ilm zur Donau bringen. Am ersten Tag, auf der Fahrt nach Dachau, sehen wir die Amper zwar nur gelegentlich, aber die Strecke ist durchgängig schön. Auch das Wetter beruhigt sich langsam und bleibt bis auf einen kurzen Schauer trocken.

Nach einem Imbiss in der Altstadt gehen wir zum Schloss, wo es eine schöne Aussicht gibt. Heike ist ziemlich entsetzt, dass München von hier immer noch so gut zu sehen ist. Weit sind wir durch den Schlenker zum Ammersee noch nicht gekommen. Die morgige Etappe wird auf Wunsch einer einzelnen Dame etwas länger! Doch jetzt möchten wir erst mal zur KZ-Gedenkstätte. Sie ist schon ausgeschildert, wird im Gegensatz zu Schloß und Kirche aber nur dezent beworben. Leider sind wir etwas spät dran und so geht irgendwann eine Dame durch das Museum, um darauf aufmerksam zu machen, dass gleich geschlossen wird. Allerdings mit einem herrischen Habitus, dass man sich vorstellen könnte, dass sie von Anfang hier gearbeitet hat.

Abends essen wir noch eine Kleinigkeit in der Pizzeria unter unserem Hotel. Der Laden ist sehr gut aber doch eher von der preiswerten Sorte. Genauso wie unser Hotel, wo normalerweise wohl eher Monteure absteigen. In der Pizzeria sitzt ein kleinwüchsiger Mensch mit verkümmerten Armen, der mir sofort extrem bekannt vorkommt. Wir sind eigentlich überzeugt, dass wir ihn aus Filmen kennen, aber ein internationaler Schauspieler sitzt doch nicht in einer billigen Pizzeria in Dachau. Dass wir in München auf einem alten Friedhof Michaela May  gesehen haben, die ein Interview gab, war ja nicht so abwegig. Aber in Dachau in einer mittelpreisigen Pizzeria ein internationaler Schauspieler?

Am nächsten Tag fahren wir bei idealem Radelwetter weiter. In Pfaffenhofen an der Ilm nehmen wir uns sehr viel Zeit im Café auf den Hauptplatz die Sonne und unseren Kaffee zu genießen. Die Sache mit dem Schauspieler lässt uns nicht los und wir überlegen, in welchen Film wir ihn schon gesehen haben (Brügge sehen… und sterben). Google sagt, dass das Jordan Prentice war, wenn der Typ keinen Doppelgänger hat. Ich kann das immer noch nicht glauben, aber als ich lese, dass er Kanadier ist, fällt mir ein, dass ich gestern irgendwann das Wort Montreal gehört habe. Ich weiß nicht mehr wo das war, aber ich erinnere mich daran, weil mir auffiel, dass es französisch ausgesprochen wurde (Monreal). Spannende Geschichte ohne endgültige Auflösung.

Wir kommen heute in Reichertshofen unter. Es war gar nicht so einfach im größeren Umkreis überhaupt ein Zimmer zu finden. Kurz vor Geschäftsschluss gehen wir noch in den EDEKA um noch ein paar Kleinigkeiten zu kaufen. Ich frage die Kassiererin, wo man essen gehen kann (unsere Restaurantküche ist nur ein Schnitzelparadies zu überhöhten Preisen) und in Windeseile ist die komplette Belegschaft um uns versammelt um sich zu beraten.
„Der Asiate und der Grieche haben dicht gemacht“
„hier in Reichertshofen kann man nirgends mit Spaß essen gehen“
Erst die Bäckereifachverkäuferin weiß Rat. Eine Sportgaststätte mit italienischer Küche. Das Essen ist wirklich gut, aber das Ambiente ist leider genauso trostlos wie der ganze restliche Ort.

Durch das Paartal geht es am nächsten Tag weiter zur Donau. So abgelegen wie Reichertshofen ist auch diese Strecke. Auf dem ganzen Weg sehen wir keinen Menschen. Dafür Hasen, Rehe, Reiher, Rotschwänzchen, Gelbfinken, Goldammern und Libellen. Doch das ändert sich, als wir die Donau erreichen. Hier bestimmen eher schreiend bunt gekleidete Menschen mit altmodischen Packtaschen an elektrischen Fahrrädern das Bild. Viele der Fahrräder haben Rückspiegel, die aber nicht benutzt werden und auch die Hörgeräte haben die Fahrer teilweise abgeschaltet. Das Fortkommen gestaltet sich manchmal etwas schwierig.

Heike schreibt: Heute war ein unglaublicher Fahrtag: Morgens sind wir gegen 9.30 Uhr in Reichertshofen gestartet, die Sonne strahlte vom fast wolkenlosen Himmel. Gegen 12.30 Uhr haben wir eine Mittagspause gemacht und auf einer Bank unsere Brote verzehrt. Um 13.30 Uhr war klar: Wir werden heute vermutlich noch nass, um 13.38 Uhr haben wir die Plastikgamaschen über die Schuhe gezogen. Inzwischen war klar, es wird ein recht schweres Gewitter geben – vor und hinter uns pechschwarzes Gewölk. Noch 10 KM bis zum Ziel ( Kloster Weltenburg). Jetzt aber fix. Unterwegs treffen wir noch einen älteren Radfahrer, der lakonisch anmerkt “ Na, schaffen wir das noch vor dem Regen?“. In dem Moment waren wir im freien Feld unterwegs und die ersten Blitze zucken über den rabenschwarzen Himmel – vor uns und hinter uns. Immer noch kein Regen. Ich schwör dir, so schnell war ich noch nie: Zwischenzeitlich hab ich gedacht, mir springen die Muskeln aus den Oberschenkeln. Dann 1 KM vor dem Ziel: Nichts geht mehr, das Gewitter ist direkt über uns, es beginnt zu tröpfeln und keine Bushaltestelle, kein Café, nichts in Sicht – aber ein Ort, durch den wir fahren. Im absolut letzten Moment springen wir unter einen Dachüberstand und der Himmel öffnet seine Schleusen. Ich glaube, wir haben da den viel zitierten Starkregen mit Sturmböen und Gewitter garniert selbst erlebt. Unglaublich! Nach geschätzten 15 Minuten ist das Gewitter weiter gezogen und der Regen hat aufgehört. Als wir im Kloster einfahren scheint bereits die Sonne vom wolkenlosen (!) Himmel. Es ist richtig warm, die Mücken schwirren, alles flimmert und glänzt vom Regen. Am Ufer der Donau spielt eine Schulklasse am Ufer an einer immer wieder aufsprudelnden Quelle – ein Bild des Friedens und der guten Laune. Ich hab etwas gebraucht, um diese unterschiedlichen Stimmungen und Gefühle in einen Tag zu bringen. Dann die Fahrt auf der Donau im Donaudurchbruch nach Kelheim, einfach zu schön, um es richtig zu beschreiben.

Unser Hotel in Kelheim ist bis jetzt eins der besten auf der Strecke. Hier hat man sich voll auf Radfahrer eingerichtet. Neben dem Fahrradraum ist Werkzeug, eine Luftpumpe und ein Handfeger zum Reinigen der Räder aufgehängt. Außerdem gibt es einen Wasseranschluss mit Schlauch, der wohl eigentlich zum Blumengießen gedacht ist. Die Männer der im Hotel wohnenden, allesamt schon etwas älteren, Radfahrerpärchen sind begeistert wie kleine Kinder. Da wird gepumpt, gewaschen und geputzt was das Zeug hält.

Am Ziel
(Regensburg 35 km)

Der Tag beginnt schon drückend warm, als wir nach Regensburg aufbrechen. Heute geht der Donauradweg im Gegensatz zu gestern wirklich fast die ganze Zeit an der Donau entlang und ist schon fast eine Rennstrecke. Das heißt er wäre es, wenn nicht ständig Elektrofahrräder vor uns rumbummeln würden. Überhaupt ist es seit dem Ammersee ein wiederkehrendes Muster, dass sich uns alles was Räder hat in den Weg wirft. Anfangs waren das vor allem LKW und Baumaschinen, jetzt sind es vor allem Radfahrer, die sich ihr Gepäck von Reiseveranstaltern hinterher fahren lassen. Mittags sind wir schon in Regensburg und checken im Hotel ein. So haben wir noch ausreichend Zeit zu einem Bummel durch Regensburg, bevor am späten Nachmittag das dringend benötigte Gewitter einsetzt.

Der nächste Tag beginnt regnerisch. Das hält uns aber nicht davon ab, eine Stadtführung zu buchen. Eine lohnende Unternehmung und ein schöner Abschluss unserer Fahrt. Pünktlich zum Ende der Führung hört dann auch der Regen auf. Nach einem Mittagessen in einem coolen Studentenlokal müssen wir langsam los. Geplant war, mit dem Zug nach Nürnberg zu fahren und von dort eine letzte kurze Etappe nach Erlangen. Allerdings möchten wir unser Wetterglück auch nicht am letzten Tag auf die Spitze treiben und so fahren wir lieber die ganze Strecke mit dem Zug. Mit dem Auto geht es am nächsten Tag nach Usedom, wo wir noch eine ganze Woche Sonne tanken können.

Categories Allgemein

Rheinsteig II

Koblenz

„Könnt Ihr mal kurz auf mein Gepäck aufpassen? Ich muss kurz auf’s Klo.“
Klar. Machen wir doch gerne für die blonde junge Dame, die uns auf unserer Fahrt zur zweiten Rheinsteigetappe anspricht.
„In Deutz steigen wir aber aus. Das sind noch 10 Minuten“, rufe ich Ihr noch sicherheitshalber nach.
„In Köln?“
„In Köln-Deutz!“
Wenige Minuten später ist sie wieder zurück. Rechtzeitig, damit wir beruhigt aussteigen können. Während wir auf dem Bahnsteig auf unseren Anschlusszug warten, steht plötzlich wieder unsere blonde Mitreisende hinter uns.
„Ich bin einfach hinter Euch hergelaufen. Hier ist gar nicht Köln, oder?“
Das ist nun wirklich Pech. Der nächste Zug zum Hauptbahnhof fährt in 10 Minuten und sie muss noch weiter nach Bayern. Hoffen wir, dass sie genug Umsteigezeit eingeplant hat.

In Valendar steigen wir aus. Unserer diesjährige Wanderung geht durch das Mittelrheintal bis nach St. Goarshausen. Das Stück von Valendar bis Koblenz lohnt allerdings noch nicht wirklich. Immer wieder geht es durch Wohngebiete oder sind große Parkplätze zu umrunden. Zum Einlaufen sind die 8 km allerdings nicht schlecht. So können wir erst mal den Rucksack zurechtruckeln und das Verpflegungsfach schon mal etwas leichter machen. Auch die Flasche Wanderwein, die wir uns seit dem letzten Jahr gönnen. Ein Luxus, der natürlich mit zusätzlichem Gewicht erkauft wird und ein genaues Austarieren zwischen zügiger Gewichtsreduktion und Wandertüchtigkeit erfordert.
Unser diesjähriger Wanderwein ist übrigens vegan. Was man wohl mit Wein anstellen muss, damit er nicht vegan ist?

Das Beste an der heutigen Etappe kommt zum Schluss. Wir stehen gerade am Eingang der Festung Ehrenbreitstein, als ein Regenguss uns davon überzeugt, dass jetzt die richtige Zeit für eine Besichtigung wäre. Leider gibt es keine ausreichend großen Gepäckfächer und so laufen wir in voller Montur durch die weitläufige und beeindruckende  Anlage mit mehreren Museen von hochinteressant (Fotografie) bis albern (Playmobil). Am Ende fühlt sich unsere Füße an, als ob wir die doppelte Strecke gelaufen wären.

Die Seilbahn soll uns nach Koblenz hinunter bringen. An der Station werden wir von der Angestellten geradezu euphorisch mit einem „Hallo, Da seid Ihr ja wieder. Schon wieder zurück?“ begrüßt. Da müssen wir wohl Doppelgänger haben, denn wir waren hier noch nie. Wir scheinen heute gut darin zu sein, junge Frauen aus der Spur zu bringen.

Lahnstein

Die Wolken hängen tief über dem Rheintal, als wir am nächsten Tag starten. Die Stadt schläft noch, nur am Deutschen Eck wimmeln schon die Touristen. Die heutige Strecke verspricht deutlich abwechslungsreicher zu werden, als gestern. Schon früh sind wir in den Wäldern. Unterwegs überholen wir ein Paar. Sie trägt 3 Liter Wasser in ihren Rucksackseitentaschen, während er nur einen Regenschirm darin hat. Der Mann versteht es zu leben.

Der Höhepunkt der heutigen Tour soll laut Wegbeschreibung die Ruppertsklamm sein. Festes Schuhwerk und Trittsicherheit sind angeraten, wenn man diesen 1,5 km langen Weg durch eine schmale Schlucht am Rande eines Bachs (oder manchmal auch durch den Bach) gehen möchte. Klingt spannend. Besonders spannend wird es, wenn man diese Strecke am 1. Mai läuft. Schon am Anfang der Schlucht stehen Trauben von Menschen, trinken Bier und lassen den Grill qualmen. Der Abstieg wird dann zum Geduldsspiel. Ständig  kommen uns große Gruppen entgegen. Wir drücken uns an die Felswand um sie vorbeizulassen und verkürzen uns die Wartezeit damit, betrunkene Menschen bei ihren Bemühungen zu beobachten nicht zu stürzen oder ins Wasser zu fallen. Mein Lieblingssatz: „Sabine, ich glaube, ich hätte doch lieber die Wanderschuhe anziehen sollen.“

Unser Hotel liegt direkt am Rheinsteig. Auf der Karte hatte ich gesehen, dass es direkt gegenüber eine Therme geben sollte. Dumm gelaufen, dass diese schon vor zehn Jahren geschlossen wurde. Ein Saunaabend wäre das perfekte Ende eines schönen Tages gewesen. Das Alternativprogramm im Hotel, ein Alleinunterhalter spielt Schlagermusik, lässt uns dann doch noch einmal drei zusätzliche Kilometer ins Stadtzentrum unter die Sohlen nehmen.

Filsen

Das Frühstück ist surreal. Am Nebentisch organisiert Papa Erklärbär minutenlang, wie seine beiden halbwüchsigen Söhne an seinem Tisch mit zwei freien Gedecken Platz nehmen könnten. Danach informiert er sie (und uns) ausführlich über die Höhepunkte der heutigen Wanderetappe, sowie über die Eckdaten inklusive Kalorienverbrauch der letzten. Begleitet wird das Schauspiel durch das Gewusel der leicht überfordert wirkenden Bedienung. Mitten rein platzt ein weiterer Gast mit einem lautstarken, schnarrenden „Guten Morgen!!“. Fast wären wir mit einem zackigen „Jawoll, Herr Obersturmbannführer!“ aufgesprungen.

Beim Aufbruch muntert mich die Wirtin mit der Auskunft auf, dass die folgende Etappe die schwerste wäre, weil es ständig auf und ab ginge. Sie soll recht behalten. Allerdings ist es auch die bisher schönste und abwechslungsreichste Etappe. Immer wieder werden die Aufstiege durch wunderschöne Ausblicke auf den Rhein belohnt.

Den ausführlichen Besuch der Marksburg ersparen wir uns. Sie scheint am Wochenende kein geeignetes Ziel zu sein und so lässt uns der volle Busparkplatz am Fuß der durchaus imposanten Burg mal wieder die bewährte Taktik anwenden, Reiseführer als Negativliste zu nutzen. Selbst Andreas als selbsterklärter Romantik- und Nostalgiefachmann sieht das ein, obwohl uns Papa Erklärbär die Burg heute morgen sehr ans Herz gelegt hat.

In Filsen ist man erstaunt über die Strecke, die wir heute zurückgelegt haben. Unsere Wirtin meint, dass das wohl eher 1 ½ bis 1 ¾ Etappen wären. Ich würde es natürlich nicht zugeben, aber genauso fühlt es sich an. Unser heutiges Hotel kultiviert im ganzen Haus ein 70er-Jahre-Feeling. Das gesamte Interieur wurde anscheinend seit dieser Zeit nicht mehr verändert. Das Essen passt dazu. Hier wird noch richtig gekocht und so lassen wir uns heute abend mal richtig verwöhnen.

Kestert

Der Wetterbericht sagt Regen an, aber wir wandern unter niedrigen Wolken trocken durch Streuobstwiesen und Niederwälder. Der Regen beginnt pünktlich in dem Moment, als wir in Kestert vor unserer Pension stehen.

Kestert bietet so früh am Sonntag leider keinerlei Zerstreuung. Immerhin haben wir ein Hotel entdeckt, das extra für uns heute abend die Sauna anheizt. Bis dahin sind wir schwierige Gäste. Die Weinstube unserer Herberge ist geschlossen, aber als wir unsere Wirtin noch mal herausklingeln um das WLAN-Passwort zu erfahren und Heißwasser für unsere Teekanne zu bekommen, geht es plötzlich doch. Statt heißem Wasser bekommen wir Kaffee und Wein. Etwas irritiert ist die Wirtin allerdings, dass wir bei dem Wetter statt im Warmen draußen unter dem Vordach sitzen wollen um in den Regen zu gucken und auf dem Rhein Schiffe zu zählen.

Gleichzeitig mit uns ist noch ein dritter Gast in der Pension in Kestert angekommen. Heike ist allein unterwegs und hat sich in der Überzeugung, dass in Kestert nichts los ist auf ihrem Zimmer eingemuckelt und abgewartet, bis die Zeit reif für’s Abendessen ist. Als sie abends die Pension verlässt, guckt sie ziemlich entgeistert, als sie uns mit einem Glas Wein vor dem Haus sitzen sieht. Zum Abendessen treffen wir uns in unserem Saunahotel und verbringen noch einen Abend in netter Gesellschaft.

St. Goarshausen

Unser letzter Wandertag verwöhnt uns noch einmal mit idealem Wanderwetter. Die Sonne scheint, es ist kühl und die Vögel zwitschern um die Wette, als wir in die Pulsbachklamm einbiegen, die uns wieder auf den Rheinsteig zurückführt. Vielleicht liegt es am Wetter, den Vögeln oder an den fehlenden Maiausflüglern, aber dieser Zuweg zum eigentlichen Rheinsteig gefällt mir noch besser als die vielgerühmte Ruppertsklamm. Der Weg führt steil bergauf am Pulsbach entlang, der sich immer wieder über kleine Wasserfälle zu Tal stürzt.

Die letzte Etappe ist mit 12 km relativ kurz, da wir ja noch nach Hause müssen und wir stellen fest, dass wir eigentlich gut und gerne noch ein paar Tage auf die Heimfahrt verzichten könnten. Mit einem Schoppen Riesling trösten wir uns in St. Goarshausen und verkürzen uns damit die Wartezeit auf den Zug. In der prallen Sonne ist das allerdings nur eine mittelgute Idee und so ist am Bahnsteig anfangs erst mal etwas Konzentration gefragt.

Fachwerk und Denkmäler

Eine Radreise von Soest nach Leipzig

Fachwerk und Denkmäler

Pläne verwerfen konnte ich schon immer gut, doch unsere diesjährige Tour toppt an Spontanität alles. Monatelang war klar, dass wir in Bayern an der Isar fahren, doch einige Wochen vor der Fahrt wird der Plan aufgegeben, weil wir eventuell auf unser Auto zur Anreise verzichten müssen. Statt dessen beschließen wir, kurz vor der Abreise das Ziel aufgrund der Windrichtung im Wetterbericht abhängig zu machen. Eine Wette mit dem Wetter, denn wenn sich der Wind unterwegs dreht, wollen wir natürlich auch nicht im Kreis fahren. Wenige Tage vor der Abfahrt heißt es dann „Nordwind“. Blöd: wenn wir nach Süden wollen, stehen wir praktisch sofort vor den Bergen und die hören so schnell auch nicht mehr auf. Heike gibt ihre Abneigung gegen Bergfahrten zwar mittlerweile etwas auf, aber ich möchte sie ja auch nicht gleich wieder verschrecken. Wir beschließen in Bremerhaven zu starten um den maximalen Anlauf durch flaches Gelände zu haben. Ganz kurz vor der Abreise kommt dann allerdings eine kleine Sportverletzung dazwischen und deshalb gibt es jetzt die etwas verkürzte Variante ohne lange Anreise direkt von Soest aus. Auch der Wind hat mittlerweiler gedreht und deshalb heißt das neue Ziel nun Leipzig. Der Weg (Der eigentlich mehr ein Korridor ist. Den Weg legen wir jeden Abend neu fest) führt vorbei an vielen Denkmälern, Sehenswürdigkeiten und Weltkulturerbeorten. Für mich, der Reiseführer gerne als Negativliste nutzt und an Städten vor allem den Gesamteindruck schätzt, ein wenig Neuland.

Im Land der Rasenmäher
Das Land ist flach, der Wind bläst von hinten und so kommen wir gut voran. Das Paderborner Land lässt sich fast komplett auf Feldwegen durchqueren, an denen nur ab und zu mal ein oder zwei einzelne Häuser stehen. Im Umfeld dieser Häuser gibt es keinen einzigen Grashalm, der länger als zwei Zentimeter ist. Niemals. Im Vorgarten: englischer Rasen. Alle Wegränder im größeren Umkreis: englischer Rasen. Immer wieder über viele Kilometer hinweg das gleiche Bild: Wege, Maisfelder, englischer Rasen. Als wir dann noch beobachten, wie ein älterer Herr eine riesige Rasenfläche mit dem Handmäher bearbeitet, fallen wir vollends vom Glauben ab. Gartenarchitekten gibt es in dieser Gegend übrigens nicht. Die sind alle Taxifahrer, weil jeder Garten außer der Rasenfläche nur ein paar Blumenbeete am Rand hat. Weitere Gestaltung ist überflüssig.
Ab Stuckenbrock sind wir fast schon wieder froh, unordentliche Vorgärten und ungemähte Wegeränder zu sehen. Es gibt sie noch, die normale Welt.

In Augustdorf machen wir eine Pause in einem Café und kommen mit der Wirtin ins Gespräch. Sie besorgt uns ein  Appartment in Detmold, doch bevor wir dorthin fahren, haben wir noch etwas Touristenprogramm vor uns. So kurbeln wir uns kurz vor dem Ende der Tour noch den langen, steilen Berg zum Hermannsdenkmal hoch. Eine dieser Attraktionen, die ich normalerweise nur im Vorbeifahren mitnehme, aber diesmal sind wir extra deswegen hier hoch gestrampelt. Voll ist es jedenfalls nicht. Ein Japaner, der seine mürrische Tochter ablichtet: „Happy!!!“. Ein paar Holländer und Polen. Das war’s. Das sollte aber nicht über den gigantischen Parkplatz hinwegtäuschen, der jetzt zwar fast leer ist, aber an sonnigen Sonntagen ein paar hundert Autos fasst. Leidlich imposant ist der alte Hermann  und auch ganz gut gebaut, aber leider ist er so im Wald eingewachsen, dass man außer Bäumen nur Herrmann sieht.  Da wir noch unser ganzes Gepäck dabei haben, sparen wir uns den Aufstieg, gucken dem alten Hermann von unten unters Gewand und halten es statt dessen mit Heinrich Heine: Müde Beine, saure Weine, Aussicht keine.
Interessant sind die Inschriften am Sockel des Denkmals. Wird heute davor gewarnt, nichts ins Internet zu schreiben, was einem später peinlich sein könnte, so galt das damals für die Errichtung von Denkmälern. Baumeister Baudel war damals offensichtlich jedoch nichts peinlich und so strotzen die Sprüche vor Nationalismus und Rassismus. Da wird die Verwelschung des deutschen Volkes beklagt und auf die Franzosen geschimpft, was das Zeug hält. Die Schautafeln am Fuß des Denkmals relativieren das mehrsprachig und entschuldigen es mit dem Geist der Zeit.
Nun ja: Würde man die Texte einmal in ein modernes Deutsch übersetzen und die Franzosen durch die aktuell unbeliebte Nationalität ersetzen, kämen sie einem in Zeiten von Sarrazin (und Le Pen und Wilders) gar nicht so ungewöhnlich vor. Mit dem Geist der Zeit ist es wohl wie mit der Mode: Es kommt alles wieder.

Nach einer rasanten Abfahrt haben wir in Detmold fast hundert Kilometer auf dem Tacho. Geplant sind alle Etappen mit der Hälfte, aber irgendwie waren wir heute nirgends, wo sich das Anhalten gelohnt hätte und mit Rückenwind lief es einfach zu gut. Detmold dagegen ist ein echtes Schmuckstück, wo wir den Abend noch nett in einem Brauhaus ausklingen lassen.

Touristische Highlights:
**           Paderborner Land (Parklandschaft mit englischem Rasen und taxifahrenden Gartenarchitekten)
*****     Café zwischen Rathaus und Blumenladen in Augustdorf (Kuchen und Kaffee zu kleinen Preisen)
****       Hermann (Kletterwald, Gastronomie, Riesenparkplatz, schweißtreibender Anstieg, nervenzerfetzende Abfahrt)
*****    Detmolder Landbier (direkt in der Brauerei)

Steine und Palmen
Den Morgen verbummeln wir in Detmold. Heike wäre sogar gerne noch einen Tag geblieben, aber sofort nach einem Tag fehlt mir dafür noch die Geduld.
Bis 1918 war hier noch ein Fürst von der Lippe in Amt und Würden. So gibt es hier neben vielen niedlichen Fachwerkhäusern noch ein Schloss, ein Theater und was so Fürsten sonst noch an Prunkbauten zum Leben brauchen. Erst nach 11 Uhr brechen wir auf und sind nach einigen knackigen Steigungen pünktlich zu Mittag an den Externsteinen. Die richtige Art die Steine zu besichtigen, besteht darin, auf der Wiese davor zu picknicken. Das Geld für den Aufstieg muss man dagegen nicht unbedingt ausgeben. Es gibt einen Blick ins Land und etwas Gedrängel auf den Treppen, aber spektakulär sind die Externsteine vor allem von unten. Jedenfalls wenn, wie jetzt, der riesige Parkplatz fast leer ist.
Hinter Horn führen die offiziellen Radrouten über Pfade, die eigentlich selbst als Wanderwege noch abenteuerlich sind. Wir bekommen die volle Schlammpackung und Heike versinkt bis zum Knöchel im Modder, als sie schließlich aufgeben muss und absteigt. Nachdem mich Christian angefixt hat, kann ich mich für so etwas durchaus begeistern.

Nachmittags machen wir Pause in einem Café in Schieder. Hinter uns sitzen zwei ältere Damen, deren Gespräch wir zwangsläufig mit anhören müssen.
Änni: „Warste heute schon im REWE?“
Hedwig: „Nee, ich brauch nichts.“
Änni: „Da sei men froh“
Hedwig: „Is ja auch immer viel los“
Änni: „Meine Schwester is ja nu auch schon über 85“
Hedwig: „Ich kauf immer im ALDI“
Änni: „Und mein Schwager is ja jetz schon zwei Jahre tot“
Hedwig: „Hast Du die Henni eigentlich mal wieder gesehen?“
Änni: „Ich geh gleich innen REWE“
Hedwig: „Da muss ich auch noch hin.“

Es mag an der Bewölkung liegen, aber so richtig begeistern können wir uns für den Ort nicht. Wir beschließen, noch bis Bad Pyrmont zu fahren und ich habe ein wenig Sorge, dass es dort ähnlich ist. Mit Bädern verbinde ich irgendwie immer gepflegte Langeweile. Statt dessen finden wir eine recht mondäne Stadt mit vielen Restaurants, einer schönen Innenstadt und einem riesigen, wunderschönen Park vor. Wenn schon Goethe hier gekurt hat, kann es ja eigentlich auch nicht schlecht sein. Den Abend lassen wir zwischen Palmen ausklingen, während wir die Fledermäuse bei ihrem akrobatischen Flug beobachten.

Touristische Highlights:
***** Detmold (gemütliches Städtchen mit liebevoll restaurierten Fachwerkhäuschen)

***** Rosinenpickert (eine lippische Spezialität. Pfannkuchen mit Hefe. Eignet sich gut zum Mitnehmen und picknicken, obwohl man es eigentlich mit Rübenkraut isst.)
****   Externsteine (nur gut, wenn man schön unten bleibt. Picknick nicht vergessen!)
***** Das lippische Radwegenetz (Wie wandern, nur im Sitzen. Verschönert Fahrräder und Packtaschen mit Schlamm)
**       Schieder (Trotz Schloß und Schloßpark kommt es uns ein wenig trostlos vor. Haben wir hier etwas übersehen?)
**       Schieder-Stausee. (Es gibt einen Dampfer und ein paar Tretboote. Und rollatorgerechte Wege)
***** Bad Pyrmont. (Vielleicht liegt es auch an der Sonne, die abends noch rauskommt. Überraschend hübsch.)

Alter Schwede
Sofort beim Start am nächsten Morgen stellen wir mal wieder fest, wieviel Freude man den Leuten bereiten kann, wenn man mit dem Rad unterwegs ist.  Der ältere Herr, der kurz nach uns das Hotel verlässt, muss uns jedenfalls noch unbedingt rund um das ganze Haus bis zum Radschuppen folgen, nur um kurz um die Ecke zu gucken, uns eine gute Fahrt zu wünschen und dann wieder zu verschwinden.
An der Emmer entlang geht es bis zur Weser über eine landschaftlich schöne Strecke. Schön bleibt die Strecke auch auf der anderen Seite der Weser, aber die vielen Schotterpisten kosten doch sehr viel Kraft und Zeit. Von weitem sehen wir Schloss Hamelburg und Schloß Nordstemmen aber trotz unseres Vorsatzes, alle Sehenswürdigkeiten mitzunehmen, können wir uns nicht zu einem Umweg entschließen um sie zu besichtigen.
85 Km später kommen wir in Hildesheim an. Unsere Unterkunft ist ein Design-Hotel . Alles ist schick durchgestylt, in bunten Farben und runden Formen. Leider fehlt vor lauter Design der Platz für so praktische Dinge wie Handtuchhalter. Wir bleiben zwei Nächte in diesem lustigen bunten Ambiente. Hildesheim hat schließlich Weltkulturerbe zu bieten, da darf man nicht einfach weiter fahren.
Es regnet leider ziemlich stark, als wir uns abends noch einmal auf den Weg machen. In Hildesheim findet eine Bierbörse statt. An jedem Bierwagen gibt es ein anderes Bier aus irgendeinem Teil der Welt. Obwohl mir das Prager Bier besser geschmeckt hat, bleiben wir am Ende beim polnischen Bier hängen, einfach deshalb, weil dort eine Musikbühne steht und es mittlerweile so schüttet, dass wir uns unter dem Dach nicht mehr wegbewegen wollen. Neben uns steht ein schwedisches Ehepaar, mit dem wir ins Gespräch kommen. Beide sprechen Deutsch. Anita, vielleicht wegen ihrer deutschen Mutter, etwas besser. Sie muss immer aushelfen, wenn Lasse nicht weiter kommt. Wir unterhalten uns nett und ich bin ziemlich froh, dass dabei jeder weiterhin sein Bier selbst bestellt. Lasse legt ein atemberaubendes Tempo vor und hat zusätzlich zu jedem Bier immer noch mehrere Schnäpse vor sich stehen. Wenn ich da mithalten wollte, bräuchte ich den morgigen Tag nicht zur Stadtbesichtigung sondern zum Ausnüchtern. Lasse und Anita dagegen wollen morgen noch nach Heiligenhafen fahren. In kürzester Zeit hat Lasse sich die Kante gegeben und fängt an, Deutsch durch Englisch zu ersetzen aber dafür deutsches Liedgut zum Besten zu geben. Sein Lieblingslied ist „Klingeling, hier kommt der Eiermann“.  Man fragt sich schon, welchen Eindruck unsere Kultur auf andere Völker hinterlässt.

Touristische Highlights:
****     Emmer-Radweg (rechts und links Berge, in der Mitte Wiesen und ein Fluss)
****       Ein Zimmer in der Villa Kunterbunt (Design ist alles)
*****     Bier aus alle Welt und losgelassene Schweden. (Wenn wir schon von zu Hause starten, können wir das Ausland ja wenigstens zu uns kommen lassen)

Weltkulturerbe I
Hildesheim hat ein paar Bauwerke, die es zum mittlerweile etwas inflationär vergebenen Titel Weltkulturerbe gebracht haben. Wir haben uns jetzt alles angeschaut, es war auch alles sehr schön (Der Marktplatz sogar besonders schön) aber ob es nun wirklich so einmalig ist, sei einmal dahingestellt. Leider hat Hildesheim kurz vor Kriegsende noch die volle Ladung abbekommen. So gibt es nun ein fast geschlossenes Stadtbild aus Nachkriegsbauten zwischen denen die wenigen erhaltenen oder seit den 80er Jahren rekonstruierten Altbauten stehen. Das ergibt einen schönen Kontrast und eine lebendige Stadt. Wenn man sieht, wie der Titel Weltkulturerbe aus manchen Städten ein Freilichtmuseum macht, ist es am Ende vielleicht sogar besser so.

Touristische Highlights:
*****    Knochenbrecher Amtshaus am Markt. (Besonders interessant sind die modernen Malereien an der Seitenfassade des Hauses, die die altertümliche Symbolik des Giebels fortsetzen.)
*****   Stadtbild am Markt (Viel rekonstruiertes Fachwerk)
*****   Aufstieg auf den Turm der Andreaskirche (Ganz Hildesheim auf einen Blick)

Über Land
Am nächsten Morgen ist es recht kühl und das soll auch fast den ganzen Tag so bleiben. Der kalte Wind lässt die Erinnerung an den Sommer verblassen aber immerhin weht er meist von hinten. Dummerweise ist heute Sonntag und so schaffen wir es, auf den ganzen 60 Kilometern bis Goslar an keinem einzigen geöffneten Café vorbeizukommen um uns aufzuwärmen. Mit nur wenigen kurzen Pausen sind wir so früh in Goslar – wo plötzlich wieder die Sonne scheint. Den ganzen Tag haben wir gefroren und nun sitzen wir hier in der Sonne und können sogar schon wieder Eis essen. Die Stadt ist recht touristisch und mit dem obligatorischem Weltkulturerbe, der Bimmelbahn und den Kutschfahrtangeboten ausgestattet. Trotzdem schafft Goslar den Spagat, das nicht zu aufdringlich heraushängen zu lassen und auch noch ein ganz normaler Ort zu bleiben. Deshalb werden wir hier morgen gleich noch einen Pausetag einlegen. Wir sind ja nicht auf der Flucht.

Touristische Highlights:
**         Auf der Strecke (Schöne Landschaft. Bitte fahren Sie weiter, wir verkaufen nichts)
***       Blick auf den Brocken (ungemein motiviernd)
*****   Marktplatz von Goslar (Eis, Sonne, Fachwerk)

Weltkulturerbe II
Wie geplant fahren wir heute mal nicht. Statt dessen bummeln wir durch Goslar, schoppen, und machen was Touristen so machen.
Unsere Unterkunft liegt sehr ruhig aber doch in Innenstadtnähe in einer alten Villa, so dass man dort immer mal wieder aufschlagen kann um sich umzuziehen, zu trinken oder Einkäufe abzuladen. Sobald wir die knarzende Treppe zum zweiten Stock (eine Showtreppe, über die man schreitet wie eine Hollywood-Diva) betreten, kommt Otto, der Vermieter, aus seiner Wohnung. Dann muss erst mal genauestens Auskunft gegeben werden, ob alles in Ordnung ist, wo es noch hingeht und wo wir gerade herkommen. Jedes Mal! Wir überlegen, ob wir ihn nicht ab und zu anrufen sollen, um ihn über unsere Standortwechsel zu informieren.

Touristische Highlights:
****     Shoppen in Goslar (Für 50000 Einwohner gibt es hier ganz schön viele Geschäfte)
****      Kaiserpfalz (imposanter Großbau. Das Wetter war zu schön für eine Besichtigung aber hinter der Kaiserpfalz gibt es einen schönen Park)
****      Dom (Der Name ist ein wenig großspurig für das kleine Kapellchen, das vom Dom noch übrig ist)

***       Otto (find ich gut)
*****   Erzbergwerk Rammelsberg (Helm auf und Kopf einziehen. Zu Fuß durch tropfende Stollen)

Dom an Platte
Morgens regnet es Bindfäden und wir beschließen erst mal bis um 11 Uhr abzuwarten, bevor wir uns entscheiden ob wir weiter fahren.  Auch ein zweiter Gast, der ebenfalls mit dem  Rad gestern noch spät gekommen ist, sieht das so. Während des Frühstücks leistet uns Otto auf seine sympathische aber auch leicht schrullige Art immer mal wieder Gesellschaft.
Um halb elf hört es auf zu regnen und wir beschließen weiter zu fahren. Unter tropfenden Bäumen machen wir uns auf den Weg durch die Wälder des Harzes. Noch einmal werden unsere Räder mit einer Schlammschicht geadelt, aber wir haben Glück. Ein letzter Regenschauer kommt herunter, als wir gerade Mittag in einer Schutzhütte machen, anstonsten bleibt es trocken.

Das zentrale Thema unserer bisherigen Reise war Fachwerk. Überall. Auch in Wernigerode, das sein Stadtbild zusätzlich noch mit Extrem-Merchandising aufhübscht. Der ganze Ort wimmelt von Verkaufsstellen für Schierker Feuerstein, Hexen und Taschenmessern mit Hirschhorngriffen. Vielleicht reicht es jetzt erst mal mit Fachwerk. Ein Prospekt aus Halberstadt , den ich in unserer Goslarer Wohnung gefunden habe,  gibt den Ausschlag für unser nächstes Ziel. Dort wird ernsthaft damit geworben, dass man Halberstadts Reize erst auf den zweiten Blick entdeckt. Wer so ehrlich in seine Prospekte druckt, dass der Ort auf den ersten Blick reizlos wirkt, hat unsere Sympathie. Da müssen wir hin. Zur Abwechslung wahrscheinlich kein Fachwerk und der Halberstädter Dom hat es auch noch nicht zum Weltkulturerbe gebracht. Quedlinburg, das ursprüngliche Tagesziel, lassen wir dafür sogar fallen.
Sofort bei der Einfahrt in den Ort verstehen wir, was es mit den gut versteckten Reizen auf sich hat. Der Dom ragt aus einer Ansammlung Plattenbauten, die Fußgängerzone ist nach Ladenschluss trostlos und einige der Gebäude in der stolz ausgeschilderten Altstadt sind in einem bejammernswerten Zustand. Ein paar nette Ecken gibt es natürlich trotzdem und bewohnt wird Halberstadt von freundlichen, humorvollen Menschen mit einer lustigen Sprache.
Hier sind wir heute abend richtig. Eine Stadtbesichtigung dauert nicht lange und so können wir uns voll auf unser gemütliches Zimmer und das gegenüberliegende Restaurant konzentrieren.
Unsere Räder sind derweil gut untergebracht. Mangels Radschuppen durften wir sie in ein zweites freies Hotelzimmer schieben, wo sie nun schlammverspritzt auf dem Teppich stehen.

Touristische Highlights:
*****     Wälder und Berge (Selbst im Regen schön)
**           Luchse (leider unsichtbar)
***        Wernigerode (langsam reicht es mit dem Fachwerkkitsch und Schierker Feuerstein macht es auch nicht besser)
*****    Radweg von Wernigerode nach Halberstadt an der Holtemme (landschaftlich ansprechende Rennstrecke mit kurzen Schlammeinlagen)
****      Martinikirche in Halberstadt (mit ihren unterschiedlichen Türmen).
**          Bibel in Hotelschubladen (1. Korinther, 11: Modetipps für die Frau)

Richtig Stadt
Einer der offensichtlicheren Reize Halberstadts (und auch der eigentliche Grund für uns, hier hin zu fahren) ist, dass man von hier in einer Stunde ohne Umsteigen mit dem Zug nach Halle fahren kann. Das ist nötig, weil wir mal wieder zu viel gebummelt haben und uns den Zielort Leipzig nicht nehmen lassen wollen. Wo wir schon mal in Halle sind, müssen wir uns natürlich auch dort ein wenig umschauen bevor es weiter geht. Die Innenstadt hat sich dann auch ganz nett herausgeputzt. Große Plätze, Straßenbahnen, jede Menge Menschen und Häuser aus richtigen Steinen mit mehr als zwei Stockwerken. Endlich wieder eine richtige Stadt.
Doch dann müssen wir hinaus und vorbei ist es mit der Herrlichkeit. Über rumpeliges Kopfsteinpflaster geht es an verrottendenen Häusern vorbei. Warum der Elsterradweg über solche Strecken geführt wird, obwohl man den Fluss noch nicht mal sieht, wissen nur die Straßenplaner von Sachsen-Anhalt. Auf der parallel laufenden Landstraße, auf der wir am Ende doch landen, wären wir trotz fehlendem Radweg besser aufgehoben gewesen.

Irgendwann sind wir in Sachsen und alles ist wieder gut. Der Elster-Radweg führt hier, vorbei an hübschen Dörfern, über eine glatt asphaltierte Deichkrone, anschließend über Waldwege und ganz plötzlich steht man mitten in Leipzig. Angekündigt hat sich die Stadt lediglich durch ein erhöhtes Jogger- und Radfahreraufkommen zum Schluss. Kurz vor dem Ziel haben wir dann doch noch die obligatorische Reifenpanne. Diesmal direkt vor einer gut frequentierten Gruppe von vier Bänken. Der Schaden ist unter den Kommentaren der interessierten Mitbürger schnell behoben. Nach diesem vergnüglichen Showflicken hätte ich allerdings wenigstens ein wenig Applaus erwartet. Undankbares Volk!
Die nächsten anderthalb Tage verbringen wir noch bei idealem Wetter in Leipzig. Ein wenig verfallen wir hier wieder in alte Gewohnheiten. Wir lassen einige must-seens wie Auerbachs Keller einfach aus und trinken dafür lieber Bier im Biergarten der Moritzbastei. Das Flair dieser belebten Stadt mit seinen vielen, schön rennovierten alten Häusern ist hier tatsächlich die eigentliche Attraktion. Immerhin fahren wir noch zum Völkerschlachtdenkmal, wenn auch zu spät, so dass wir nicht mehr in die Ruhmeshalle hineinkönnen. Der Ausblick ist aber auch schon ganz schön, wenn man so hoch klettert, wie man ohne Eintrittskarte kommt. Lohnend ist auch die zweistündige Stadtführung, in der weniger Jahreszahlen und statt dessen Geschichten und Anekdoten erzählt werden. Nutzloses Wissen auf unterhaltsame Weise präsentiert.
Leipzig hat für Radfahrer übrigens vieles richtig gemacht. Es gibt ein zusammenhängendes Radwegenetz mit ausreichend breiten Wegen, allerdings auch mit  etwas magerer Beschilderung. Es macht Spaß sich unter die vielen Radfahrer zu mischen, die hier unterwegs sind. So könnte man den Radius hier gut noch etwas ausweiten und etwas länger bleiben, aber leider fehlt dafür die Zeit. Auch den geplanten Kabarettbesuch müssen wir leider fallen lassen, weil der Tag zu kurz ist.
Am nächsten Tag machen wir uns daher mit Nahverkehrszügen auf den Weg nach Hause. Nicht ganz so komfortabel, wie im IC aber dafür so kurzfristig gebucht noch immer bezahlbar.

Touristische Highlights:
***        Halle (Fünf Sterne, wenn man die Innenstadt nicht verlässt)
**          Hallorenkugeln (Früher war nicht alles besser)
*            Elsterradweg in Sachsen-Anhalt (lasst es dann doch lieber ganz)
***        Elsterradweg in Sachsen (Rennstrecke vorbei an netten Dörfern)
*****    Leipzig (endlich richtig Stadt)
*****    11-Uhr-Führung durch Leipzig (Die Dame weiß Geschichten zu erzählen)
****      Völkerschlachtdenkmal (imposanter Haufen Steine)
****      Südfriedhof (Idylle im Schatten des Völkerschlachtdenkmals)
*****    Leipziger Hauptbahnhof (Kathedralenhafte Architektur und Einkaufen bis in die Nacht)

Rheinsteig 2014

Stressresistenz ist praktisch aber keine zwingende Eigenschaft um ein Hotel zu führen. Das zeigt sich sofort bei der ersten Übernachtung unserer diesjährigen Wandertour. Von Rengsdorf geht es in nördliche Richtung bis Unkel über den Rheinsteig. Am Mittwoch fahren wir nach Feierabend los und kommen gegen 20.30 Uhr in Rengsdorf an. Kein Problem, dachte ich, laut Internetbuchung sollte schließlich eine Anreise bis 21.00 Uhr möglich sein. Doch nun hören wir erst mal Vorwürfe, warum wir so spät kommen. Die Wirtin hat wohl gar nicht mehr mit uns gerechnet und wirkt ein wenig überfordert.

Von Hunden, Fledermäuse und Menschen, die man sich besser schöntrinkt.

Morgens schafft Andreas die Wirtin dann schon vor dem Frühstück. Die Frage nach dem WLAN-Zugang, während sie gerade Eier kocht, kann schon mal Stress auslösen. Nun hat die Wirtin sich die Finger verbrannt, ein Ei ist geplatzt und Andreas hat sich schon wieder einen Anranzer eingefangen, dass er aber jetzt gefälligst das geplatzte Ei nehmen solle. Was nicht funktioniert, ist das WLAN.Die Wirtin scheint ziemlich erleichtert, als wir endlich abreisen und wird zum Schluss sogar noch freundlich. Auch der Himmel freut sich, dass es los geht und pünktlich zum Abmarsch kommt die Sonne heraus.

Es ist der 1. Mai, doch die Natur sieht schon aus wie im Juni, die Vögel zwitschern und bei angenehmen Temperaturen ist Gute-Laune-Wandern angesagt. Bis Altwied, wo jemand eine Schleuse geöffnet haben muss. Plötzlich sind überall Mai-Ausflügler mit Bier und Sekt unterwegs und fast immer mit Hunden. Besonders Möpse scheinen wieder sehr in Mode zu kommen. Als uns wieder mal eine Gruppe entgegenkommt, stoppt Andreas plötzlich abrupt. Ich laufe fast auf, kann aber gerade noch ausweichen – und mit einem Sprung gerade noch verhindern, dass ich auf einen Mops trete. Für kleine Hunde ist der Wald recht gefährlich.

Rund um Segendorf hat sich der „Verschönerungsverein“ verewigt und Bänke aufgestellt. Wir rätseln ein wenig über den Zweck des Vereins, weil es an der Landschaft eigentlich wenig zu verschönern gibt. Bis wir am Vereinsheim vorbeikommen, wo gerade eine Maifeier beginnt, und einige der Gäste uns vermuten lassen, dass es dem Verein gar nicht um die Verschönerung der Landschaft geht.

Die Mittagspause verbringen wie an einem kleinen Teich im Wald. Bei Wanderwein und Käse beobachten wir eine Fledermaus, die sich über dem Teich ebenfalls gerade ihr Mittagessen fängt. So nah und am hellen Tag konnte ich diese Tiere bisher noch nie beobachten. Nach der Mittagspause zeigen sich bei einigen Ausflüglern langsam die Folgen des Tages. Die Frauen vorneweg und die Männer Hand in Hand singend und lallend hinterher. Vielleicht waren die acht Bier in der prallen Sonne doch keine so gute Idee.

Abends kommen wir in Leutesdorf kommen wir im Rheinecker Hof unter. Eine gute Wahl: Die Zimmer sind fast schon kleine Wohnungen mit einem Balkon zum Rhein und auch das Essen ist gut. Geschenkt, dass der Wirt eine Riesenreklame macht, dass man von der Terrasse aus den Kaltwassergeysir auf der anderen Rheinseite sehen kann. Das Schauspiel ist wenig beeindruckend: Ein Schiff legt an, ein Haufen Leute schleppt sich langsam an Land, irgendjemand dreht einen Hahn auf und die Wassersäule erhebt sich knapp über die Baumwipfel, die die Sicht verdecken. Danach schleppen sich die Besucher wieder auf das Schiff, welches sie wieder zurück nach Andernach bringt. Im Gegensatz zu heute Morgen ist das Personal hier deutlich entspannter. Im vollbesetzten Schankraum frage ich die Bedienung, wann wir morgen Frühstück bekommen können. „Moment, ich hol mal eben den Koch. Am besten fragen Sie ihn, ob Sie das Frühstück um 6.00 Uhr bekommen können. Dann rastet er aus.“ Der Koch kommt, ich frage und während der Koch wie versprochen in seinem rheinischen Singsang ausrastet („Äch kann ähne dat Fröhstöck auch sofott mache“), kringeln sich die Gäste im Schankraum vor Lachen. In diesem Moment kommt Andreas. Stolz verkünde ich ihm, dass wir morgen schon um 6.00 Uhr Frühstück bekommen und während er ganz langsam ausrastet, werde ich bei den Schankraumgästen gerade der Held des Abends. Wir einigen uns dann auf 8.00 Uhr und hoffen, dass der Koch uns bis dahin verziehen hat.

Tagesverbrauch: 2 Gläser Wanderwein, Käse, 2 Baguettebrötchen, 2 Äpfel und 1 Kanne Tee auf 21 Kilometern

 

Waagrecht ist keine Option

Der Tag fing für einen Menschen, dessen Namen ich hier nicht verraten darf, schon etwas merkwürdig damit an, dass er plötzlich Fußbalsam statt Zahnpasta auf seiner Zahnbürste hatte. Immerhin gibt es heute ein gutes Frühstück.

Laut Koch soll die heutige Etappe die schönste überhaupt sein. Ich lass mich überraschen. Auf der Internetseite zum Rheinsteig wird diese Etappe mit den Worten „Der Weg ist das Ziel“ und „Der Rheinsteig entfernt sich nie mehr als drei Kilometer vom Rhein“ beworben. Ich übersetze das mit „Auf diesem Streckenabschnitt gibt es keine besonderen Sehenswürdigkeiten“ und „Der Rheinsteig befindet sich immer in Hörweite der Bundesstraße und der Bahnlinie mit den vielen Güterzügen“. Ganz so schlimm kommt es dann aber doch nicht. Manchmal verläuft der Berg auch auf der rheinabgewandten Seite der Berge und ab und an gibt es trotz des nebeligen Wetters mal einen schönen Ausblick. Dafür haben die Planer der Strecke penibel darauf geachtet, möglichst wenig waagrechte Streckenabschnitte vorkommen zu lassen. Der Weg geht praktisch im Zickzack immer den Hang hinauf und hinunter. Immerhin weht ein kühler Nordwind, was zwar die Pausen verkürzt aber für diese Kletterei die ideale Temperatur schafft. Erst kurz vor unserem Ziel Bad Hönningen kommt die Sonne heraus. Gerade in dem Moment, als wir an einem Biergarten vorbeikommen. Wir wissen dieses Zeichen zu deuten.

In Bad Hönningen stehen an vielen Häusern geschmückte Birken-Maibäume mit einem roten Herz, auf dem der Name des Mädchens in diesem Haus steht. Wir haben heute als Unterkunft gleich ein ganzes Einfamilienhaus für uns, vor dessen Nachbarhaus auch so ein Maibaum für eine Julia steht. Der ganze Stolz unserer Wirtin ist die ruhige Lage des Hauses, womit sie bei ihren Gästen immer wirbt. Den gestrigen Gästen war die Ruhe offensichtlich auch sehr wichtig und ausgerechnet dann wurde nachts um zwei mit viel Alkohol und Gejohle der Maibaum für die Julia aufgestellt. An Schlaf war nicht mehr zu denken zumal anschließend früh morgens die Blaskapelle zum Maiwecken durch den Ort zog. Die Gäste hatten sich anschließend so beschwerte, dass unsere Wirtin jetzt noch ganz aus der Fassung gerät, als sie uns davon erzählt. Wir stimmen ihr zu, dass sie ja eigentlich gar nichts dazu kann und sind insgeheim froh, dass wir erst einen Tag später hier sind. Heute hören wir nur das leise Rauschen der Bundesstraße und das Rattern der Güterzüge in der Ferne.

Verbrauch: Ein Rest Wanderwein, Wasser, Käse, 2 Äpfel, 2 Butterbrote und 2 Pils auf 19 Kilometern

Weihnachten wird vorverlegt und es gibt ein Feuerwerk

Heute haben wir mit einem kühlem Nordwind, blauem Himmel und Sonnenschein ideales Wanderwetter. Umso merkwürdiger kommt es uns vor, dass man in Leubsdorf offensichtlich Weihnachten vorverlegt. Nicht nur, dass sich an einer Hauswand noch einer dieser hübschen, die Wand hochkletternden Weihnachtsmänner findet; um das Dorfwegekreuz herum wurden auch noch Tannenbäume aufgestellt. Auch am Ende unserer heutigen Etappe in Linz gibt es einen ganzjährigen Weihnachtsmarkt. Irgendetwas stimmt mit dieser Gegend nicht.

Über Leubsdorf gibt es eine schöne sonnige Bank, wo wir erst mal den Blick über das Dorf und die Wiesen auf uns wirken lassen. Das ist am Rheinsteig nicht immer so idyllisch. Man muss schon sehr viel ausblenden können, um den Blick auf Industrieanlagen, Fernstraßen, Eisenbahngleise und zersiedelte Landschaft zu genießen. In Ariendorf war man sich dann wohl auch nicht so sicher, ob man den Wanderern diesen Anblick nicht besser ersparen sollte und hat die Sicht vom Aussichtspunkt mit einem hohen Lattenzaun verbarrikadiert. Hinter Leubsdorf wird es aber besser. Die Industrie wird weniger, das Rheintal breiter und damit der Verkehrslärm leiser.

Ziemlich früh sind wir in Linz. Das ist heute günstig, weil unser Zimmer eine große Dachterrasse hat, wo wir mit Blick über Linz und auf den Rhein in der Sonne sitzen, bis wir am späten Nachmittag hinunter in die Stadt gehen. Hier findet heute „Rhein in Flammen“ statt und so verkürzen wir die Besichtigung der malerischen Altstadt etwas um uns ans Rheinufer zu setzen. Das eigentliche Highlight des Abends verpassen die meisten Linzer. Das ist nämlich nicht das Feuerwerk. Viel schöner ist es, mit einem Kölsch am Ufer in der warmen Sonne zu sitzen, während eine recht gute Band vor wenig Publikum chillige Soul- und Rockklassiker spielt und eine ganze Armada von Passagierschiffen an uns vorbei zieht, um sich oberhalb von Linz für die abendliche Feuerwerksfahrt zu formieren. Die nachfolgende Band, das offizielle musikalische Glanzlicht des Abends, spielt dann später leider nur noch Schlager, die bei uns gerade mal noch zu Karneval durchgehen.

Ein Mann, nur mit einer Hose bekleidet, barfuß und mit nacktem Oberkörper, wilder Bart und behaarter Rücken, steigt mit einem Hamburger die Treppe zum Wasser hinunter um dort zu essen. Dazu beugt er sich tief über seinen Hamburger und verschlingt ihn wie ein Hund, während sein Bein dabei merkwürdig zuckt. Alle seine Bewegungen erinnern mehr an ein fressendes Tier als einen Menschen. Auf der in der Nähe liegenden Fähre werden schon die ersten Handy und Kameras gezückt und das Paar, das am oberen Ende Treppe sitzt, kann sich offenbar nicht zwischen Lachen und Ekeln entscheiden. Nachdem er den Hamburger gegessen hat, holt er ein Stofftaschentuch heraus, wäscht sich das Gesicht mit Rheinwasser und geht die Treppe wieder hinauf. Dort wird er von dem Paar angesprochen, ob es geschmeckt hat. Er antwortet, dass man Hamburger nur auf diese Weise essen kann, holt sich noch ein Eis und geht ganz normal davon.

Als es dunkel wird, beginnt das eigentliche Event des Abends. Die Schiffe sind mittlerweile alle mit Lichterketten beleuchtet und setzen sich zu ihrer Fahrt nach Bonn in Bewegung. Begleitet werden sie an der ganzen Strecke von Feuerwerken am Ufer. Will man das Spektakel vom Ufer aus sehen, gibt es aber bessere Orte als Linz, zumal heute auch noch die Fähre die Sicht versperrt, die bei Beginn des Feuerwerks ausgerechnet auf der Linzer Seite liegt, wo die meisten Zuschauer sind. Auf unserer nächsten Etappe werden wir morgen auf jeden Fall noch an einigen hochgelegenen Plätzen vorbei kommen, an dem offensichtlich das Spektakel in privaterem Rahmen gefeiert wurde.

Verbrauch: Butterbrote und Käse, 1 Kanne Tee, Wanderwein und 2 Äpfel auf 14 Kilometern

Ein Sonntagsspaziergang

Der letzte Tag zeigt sich noch einmal von seiner besten Seite. Sowohl wegen des Wetters als auch wegen der Strecke. Kurz vor Unkel finden wir auf einer windgeschützten Lichtung eine dieser wellenförmigen Sonnenliegen aus Holz. Der perfekte Platz, um die Wanderung gemütlich ausklingen zu lassen und unsere Lebensmittelreste zu vernichten. Auch hier rocken wir mit unserem Picknick wieder den Wald. Der Grund sind unsere Weingläser, deren Stiel man zum Verpacken abschrauben kann. Dass sie aus Kunststoff sind, sieht man nicht und so bekommen wir auch hier wieder neidische Kommentare von vorbeikommenden Wanderern.
Viel zu schnell sind wir danach in Unkel, von wo wir mit dem Schiff nach Bonn fahren.

Verbrauch: Brot, Käse, Äpfel, Obstriegel, ½ Flasche Wanderwein, 1 Kanne Tee, 2 Kaffee, 2 Pils, 2 Eis auf 10 Kilometern

Fazit: Wer ausschließlich die Ruhe in der Natur sucht, findet woanders bessere Strecken. Das Rheintal ist einfach zu dicht besiedelt und die sagenhafte Schönheit des Rheins hat in den letzten 150 Jahren der Industrialisierung doch etwas gelitten. Trotzdem ist es den Machern gelungen, einen erlebnis- und abwechlungsreichen Weg zu schaffen der oft nur über schmale Pfade führt. Trotz des oft zu hörenden Verkehrslärms fand ich die Strecke schöner als am Rothaarsteig, wo es zwar ruhig war, der Weg aber häufig über breite Forstwege verlief. Ein wenig Kondition sollte man schon mitbringen, da es sehr viele Steigungen gibt. Die Vorabbuchung der Zimmer wäre wohl dieses Mal trotz des langen Wochenendes nicht zwingend nötig gewesen, da es reichlich Unterkünfte gibt. Geschadet hat sie aber nicht. Immerhin hatten wir dadurch sehr schöne und preisgünstige Zimmer.

 

 

 

 

 

 

In die Wälder

GPS-Tracks, Karte und  Höhenprofil: Eisenach – Karlovy Vary – Dresden

Christians Fotos

1 Woche vorher

Das nasse Frühjahr fordert seinen Tribut. 11 Jahre nach der letzten großen Flut, steht im Juni 2013 Süd- und Ostdeutschland wieder unter Wasser. Für unsere Tour ist alles vorbereitet. Bahntickets wurden mit vielen Schwierigkeiten bestellt und die Route wurde ausgetüftelt. Sie führt durch den Thüringer Wald nach Tschechien und dann übers Erzgebirge. Laut Presse sind das fast ausnahmslos Gebiete mit Hochwasseralarm. Christian denkt darüber nach, statt nach Dresden in Richtung Norden zu fahren. Da der Rennsteig und das Erzgebirge aber hoch sind, beschließen wir, den Plan nicht zu ändern. Bis wir in Dresden sind, haben die da hoffentlich alles wieder aufgeräumt.

////\ Kette links ////\

Die Bahn macht es uns nicht einfach. Mit zwei Stunden Verspätung geht es los, weil Christians Zug auf freier Strecke rumgehangen hat, aber jetzt kämpfen wir uns die Bundesstraße hoch zum Rennsteig. Bei der Streckenplanung habe ich mich möglichst an Christians Vorgaben gehalten. Gut, nicht ganz, weil Christian am liebsten gar nicht plant, sondern ins Blaue fährt. Soweit mochte ich dann doch nicht gehen. Möglichst viele unbefestigte Wege aber kann ich ihm schon bieten. Für mich ist das schon Abenteuer genug und ein wenig fürchte ich, dass mein Alu-Trekking-Renner mit Felgenbremsen für die Strecke nicht so gut geeignet ist. Nicht zu unrecht: Am Ende der Tour werde ich zwei neue Reifendecken, zwei neue Schläuche, neue Pedalen, einen Satz Bremsklötze verbaut und ein Kettenschutzblech in die Tonne gehauen haben.

Wir biegen auf den Rennsteig ein. Auch hier gibt es heute nur eine Richtung: Rauf, rauf, rauf. Die Kette bleibt heute den ganzen Tag links. Bergauf sowieso und bergab auch, weil man auf der Schotterpiste ständig bremsen muss. Unser Ziel ist ein Campingplatz in Finsterbusch, doch weil Christian diesen Teil der Strecke vor 20 Jahren schon mal gefahren ist und nostalgische Gefühle hegt, machen wir noch einen Abstecher über den großen Inselsberg. Der Radweg verläuft hier eigentlich unterhalb des Berges und das aus Gründen. Schon bald können wir unserer Räder nur noch über Wurzeln und Steine den extrem steilen Anstieg hinauf schieben. Belohnt werden wir mit einer grandiosen Aussicht und der Erkenntnis, dass mein Rad auch für die anschließende Abfahrt nicht so gut geeignet ist. Der Weg ist so steil, dass ich die gesamte Abfahrt in den Bremsen hänge und mir die Felgen heiß bremse. Direkt vor einer Pension fliegt mir dann mit einem lauten Knall mein Vorderreifen um die Ohren. 12 Kilometer vor unserem Tagesziel ist hier die Fahrt zu Ende.

In jedem Schlechtem liegt auch etwas Gutes. Die Wirtin hat den Knall gehört und legt sich sofort richtig ins Zeug, um uns am Samstagabend noch einen Reifen zu besorgen. Sie mobilisiert das komplette Dorf. Einer kommt vorbei, kann zwar auch nicht helfen, weiß aber auch noch ein paar Leute, die man anrufen könnte. Am Ende kommt ein Radhändler aus dem Nachbardorf und bringt mir den Reifen persönlich vorbei. Währenddessen wird es an unserem Tisch richtig familiär. Dort sitzen Alex und ihr französischer Freund Michel. Mein Französisch ist leider noch nicht konversationstauglich. Christian hat es besser drauf, aber Michel muss trotzdem viel Geduld beweisen. So wird es fröhlicher deutsch-französischer Sprachmix. Alex ist mit Michel schon so lange zusammen, dass sie mittlerweile Deutsch mit französischem Satzbau spricht. Die beiden sind ein sympathisches Paar, mit dem sich der Abend sehr kurzweilig gestaltet.

/\/\/ Schotterpisten und Geisterstädte /\/\/

Wer hätte gedacht, dass ich mich mal danach sehne, bergauf zu fahren und es hasse, wenn es bergab geht. Hier auf den steilen Schotterpisten ist das so, weil Bremsen seit gestern immer etwas Angst auslöst.

Obwohl ich heute morgen erst noch meinen Reifen umbauen musste sind wir früh aufgebrochen und nun geht es in Schleichfahrt über Schotter und loses Geröll. Eigentlich ist es wie Wandern, nur im Sitzen. Wir sehen stundenlang kaum Menschen und Autos.

In Oberhof soll es für uns Pizza geben. Wir haben die Speisekarte kaum in der Hand, da bricht ein Gewitter los, dass uns die nächsten anderthalb Stunden hier festtackert. Wir beglückwünschen uns zu unserem Timing und lassen es uns schmecken. Später erzählt uns ein Wanderer, den es auf freier Strecke erwischt hat, dass er sich die Schuhe mit Klebeband abgedichtet hat, damit ihm das Wasser nicht von oben hineinlief.

Der Rest der Rennsteigroute geht über die Straße. Das ist erfreulich, erspart es uns nach dem Regen doch die Schlammpackung und lässt uns bergab gelegentlich mal den Fahrtwind spüren.
Ein holländisches Paar überholt uns. Wenn jemand hier mit normalen Klamotten einfach so Rad fährt, ohne bunte Papageienkleidung, dann müssen es Holländer sein. Die beiden sind recht flott unterwegs und über die nächsten Kilometer geben wir uns ein regelrechtes Rennen. Abwechselnd fährt jeder mal vorne und fast ist es schon ein wenig schade, als sich unsere Wege trennen.

Die wenigen Orte werden jetzt immer gruseliger. Während in Oberhof der Skizirkus einfach mit Sommerskiern weiter geht, scheint Neustadt so langsam auszusterben. Ganze Straßenzüge stehen leer und vergammeln. Mittendrin ein Friseurladen mit dem Charme vergangener Zeiten. Keine albernen Namenswortspiele; das alte Schild aus DDR-Zeiten muss reichen. Die Schaufensterdekoration wurde nach der Wende mal durch eine Dose Wella-Haarspray ergänzt und so gilbt das ganze Ensemble vor sich hin.

In unserem heutigen Zielort Großbreitenbach lassen wir den Campingplatz links liegen. Immer noch ist alles nass und es ist weiterer Regen angesagt. Der Ort scheint ein echtes touristisches Highlight zu sein. Es gibt eine Konsumfleischerei, ein paar kleine Läden, eine Dönerbude und das erste deutsche Kloßpressenmuseum. Ich hätte gern darüber berichtet, aber leider waren die Öffnungszeiten von 13 bis 16 Uhr etwas knapp für uns.

Was es nicht gibt, ist eine Pension, um die ganzen zu erwartenden Touristenmassen aufzunehmen. So fahren wir noch 18 Kilometer weiter bis nach Neuhaus. Ist ja kein Problem und wenn wir Glück haben bleibt die heutige Kilometerzahl sogar noch gerade so zweistellig. Bis kurz vor Neuhaus ist auch alles gut, es gibt sogar noch eine rasante Abfahrt bis Katzbach, doch die letzten 5 Kilometer kommt es noch einmal richtig dicke. So einen Anstieg am Ende eines langen Tages, das ist hart. Nach zwei Stunden Fahrt für 18 Kilometer reicht die Energie gerade noch für ein Abendessen und dann ist der Abend gelaufen.

,,,,, Regenpause ,,,,,

Morgens regnet es und wir beschließen, heute nicht zu fahren. Dafür bewegen wir uns zu Fuß durch Neuhaus. Der Nebel verdeckt die ein oder andere Scheußlichkeit und so ist der Ort nach den gestrigen Geisterstädten sogar ganz nett. Erstaunlich ist das riesige Schul- und Sportzentrum. Wie weit muss man die Schulkinder fahren, um so eine riesige Grundschule zu füllen.

So ein Regentag ist auch nützlich um das Rad mal auf Vordermann zu bringen. Fahrten mit Christian sind offensichtlich das Härteste, was ich meinem Rad je zugemutet habe. Schon beim letzten Mal verabschiedete sich meine Sattelstütze und auch hier gibt jedes Teil, das schon kurz vor der Verschleißgrenze war, endgültig seinen Geist auf.

/\/\/ Der perfekte Morgen /\/\/

Wir können den verlorenen Tag wieder hereinfahren. Allerdings müssen wir dafür früh los kommen. So lassen wir das Hotelfrühstück um 8 sausen und stehen statt dessen um 6 Uhr in der benachbarten Bäckerei auf der Matte.

Es ist 7 Uhr, als wir das erste mal in den Wald kommen und es ist magisch: Die Sonne lässt überall, wo sie auf den nassen Boden fällt, die Erde dampfen und zieht leuchtende Strahlen durch das Blätterdach. Ganz still radeln wir durch diesen lichtdurchfluteten Wald und geniessen die Atmosphäre.

Der bayrische Teil des Rennsteigs verlässt den Wald und verläuft neben der Staatsstraße. Der Nachteil: Er verläuft neben der Staatsstraße. Der Vorteil: Er ist spiegelglatt asphaltiert und endlich können wir mal etwas Gas geben. Doch schon bald erreichen wir wieder den Wald und nach einer kurzen Fahrt über die Betonplattenstraße der ehemaligen DDR-Grenzanlage sind wir wieder in Thüringen.

Für unser eigentlich geplantes Ziel, einen Zeltplatz am Pirksee, sind wir noch zu früh dran. Er gefällt uns sowieso nicht, zwischen den Standcampern so direkt an der Autobahn, also fahren wir weiter nach Oelsnitz. Bis jetzt war das ganze Zeltgeraffel nur zusätzlicher Ballast, um die Bergetappen nicht zu leicht zu machen. Soll ja kein Kindergeburtstag werden.

Auch Oelsnitz ist teilweise eine Geisterstadt. Verfallene Häuser empfangen uns. Immerhin wurde im Zentrum etwas Geld in die Hand genommen und der Marktplatz nett hergerichtet, aber dann wurden die Cafés vergessen. Es gibt ein paar vereinzelte Schirme, aber dort sitzt niemand, und so ist der Marktplatz eine öde, graue Pflasterwüste. Wir fahren auf die Burg und machen bei einem Picknick hoch über der Stadt ein Hotel im nächsten Ort klar. Eine weise Entscheidung. Schöneck ist deutlich hübscher und nach 116 Kilometern haben wir uns das Essen und das selbstgebraute Bier verdient.

//\\\ Drei Welten //\\\

Nicht ganz so früh wie gestern machen wir uns heute auf den Weg. Schließlich ist die heutige Etappe nur halb so lang. Nach einer kurzen Abfahrt über einen halb zugewachsenen Waldweg, erreichen wir Klingenthal von hinten. Wir stehen mitten in einer Plattenbausiedlung und müssen uns erst mal orientieren. Einen älteren Herrn fragen wir nach dem Weg.

“Entschuldigung, wo gibt es denn hier einen Lebensmittelladen?”

“Oh je,oh je, die Kaufhalle hammse uns dicht gemacht. Hier gibt es nischt mehr. Wenn’we Einkaufen wollen, müssen’we jetzt immer inne Stadt.”

“Wir sind doch in der Stadt. Das ist doch Klingenthal, oder?”

“Ja, aber zum Einkaufen gibt’s hier nischt mehr. Da müssen’se inne Stadt.”

Mir kommen langsam Zweifel, ob ich die Größe der Stadt auf der Karte richtig eingeschätzt habe.

“In welche Stadt denn jetzt? Nach Oelsnitz?”

“Nee, nach unten inne Stadt.”

Langsam dämmert mir, dass sich das Ausmaß dieser kommunalen Katastrophe nur auf die eine Kaufhalle in der Plattenbausiedlung bezieht. Ein paar Straßen weiter unten gibt es schon noch einen EDEKA. Die Wegbeschreibung gerät allerdings etwas umständlich und so fragen wir zwei Straßen weiter noch einmal nach dem Lebensmittelladen.

“Ein Lebensmittelladen? Nee, die Kaufhalle haben sie dicht gemacht. Hier gibt es nichts mehr.”

“Ja, aber gibt’s nicht hier noch einen Edeka?”

“Doch, aber der ist in der Stadt.”

Es scheint wohl so eine Art Kollektivtrauma zu sein. Wir lassen uns den Berg hinunterrollen und biegen links ab. Weit kann es jetzt nicht mehr sein. Klingenthal ist ja nicht groß. Vorsichtshalber frage ich noch mal.

“Geht es hier zur Stadt?”

“Jau!”

Man muss ja nicht alte Wunden aufreißen.

Hinter dem Ortsschild von Klingenthal beginnt Tschechien. Hier kann man alles kaufen, was das Herz des Shoppingtouristen begehrt: Zigaretten, Alkohol, Benzin, Sex, Gartenzwerge, Textilien, Schuhe, Kunststoffrehe, Taschen, einfach alles. Nach Krasnice lassen wir den ganzen Rummel hinter uns und biegen wieder ab in die Berge. Schmale Straßen, Berge, Wald, Wiesen, ab und an ein Haus und dann plötzlich Rovarta. Inmitten von Wäldern und Wiesen reiht sich plötzlich Plattenbau an Plattenbau. Ein Gebiet wie Berlin-Marzahn, nur rundherum nichts als Wälder. Skurril!

Wir fahren weiter in Richtung Karlovy Vary (Karlsbad). Die Straßen werden immer schlechter und irgendwann geht es wieder auf sandigen Waldwegen weiter. Wir rumpeln einen Weg entlang, der immer steiniger, steiler und waghalsiger wird. Gerade als als ich absteige um weiter bergab zu schieben, stelle ich fest, dass wir uns gar nicht mehr auf unserer Route befinden. Wir schieben 200-300 Meter zurück, nur um festzustellen, dass der richtige Weg noch schlechter ist. Zu Fuß nehmen wir den steilen Pfad in Angriff. Nach kurzer Zeit wird der Pfad zum Geröllpfad, so wie ein ausgewaschenes Bachbett. Christian jubelt und ich mache mir Sorgen.  Christians Erfahrung ist, dass Wege die oben beginnen auch unten ankommen, während das anders herum nicht unbedingt der Fall sein muss. Ich versuche es zu glauben und nicht an umgestürzte Bäume und verfallene Brücken zu denken.

Immerhin, Christian behält recht und wir kommen heile unten an. Als wir den Wald verlassen, stehen wir vor einer Mondlandschaft. Vor uns tut sich ein riesiger Tagebau auf und von rechts verpestet eine Kokerei die Luft.

Bis Karlsbad geht es auf gut ausgebauten Straßen weiter. Glatter Asphalt und leicht bergab: So lassen wir diese Wüste schnell hinter uns.

Fährt man nach Karlsbad, sieht man auch hier immer wieder verfallene Häuser. Um so krasser ist der Gegensatz, wenn man ins Zentrum kommt. Schon der Teil, in dem sich das tägliche Leben abspielt, ist ganz ansehnlich. Fußgängerzone, der übliche Ladenmix, McDonalds, Restaurants, Kneipen, Eisdielen. So wie überall halt, aber recht hübsch und mit erträglichen Preisen. Im Kurviertel weiß man dann vor lauter Prunk und Protz nicht , wo man hinschauen soll. Hier gibt es aufwändige Fassaden, Luxusgeschafte und teure Hotels.

In den Kolonaden laufen die Leute mit merkwürdig geformten Bechern herum und trinken Wasser aus Brunnen. Ich bin neugierig, halte meine Hand unter den Brunnen und… verbrühe mir fast die Hand. Hätte ich vorher die Schilder gelesen, hätte ich gewusst, dass die Quelle 95° heiß ist. Gesund muss die Brühe sein, so wie sie schmeckt. Wir brauchen mehr Pivo zum Nachspülen.

_///\ Die Rückseite des Erzgebirges _///\

Unsere Wirtin hätte es gerne gesehen, wenn wir uns noch ein paar Porzellanfabriken angeschaut hätten, aber wir müssen weiter. Nach einer kleinen Stärkung in Ostrov schlagen wir uns wieder in die Wälder. Die nächsten 800 Höhenmeter ackern wir uns über Schotterwege bergan. Ein schönes Gefühl mit unserem ganzen Gepäck eine Gruppe Mountainbiker hinter uns zu lassen. Nehmt halt doch besser den Lift für die Bergfahrt.

Bei 1200 Metern ist Schluss. Von hier aus stürzen wir uns auf einer Skipiste zu Tal um von Oberwiesenthal gemächlich bis Königswalde bergab zu rollen. Hier können wir endlich mal zelten. Alles stimmt, nicht nur das Wetter, sondern auch der Platz. Nur Christian wirkt etwas unausgelastet, weil er gerne noch etwas weiter gefahren wäre. Für ihn kam das Ende etwas überraschend, weil ich die Tourplanung am Lenker habe. So hat er das Gefühl ins Blaue zu fahren und ich das gute Gefühl, alles im Griff zu haben. Dumm nur, wenn die Fahrt ins Blaue ohne Vorwarnung so abrupt endet.

///\\ Ein abgebrochener Endspurt ///\\

Unser Gastgeber ist ein cooler Typ: Rennradfahrer, Bildhauer und Campingplatzbesitzer.

Damals ist er Rennen gefahren, hat die Dresdner Frauenkirche mit restauriert und Designpreise gewonnen, heute kümmert er sich mit der Sense um seinen Platz und mit viel Humor um seine Gäste. Dass er dabei auch an eine Küche und einen Aufenthaltsraum für die Gäste gedacht hat, rechnen wir ihm hoch an, auch wenn wir den nur genutzt haben um die Bänke daraus auf die Wiese in die Sonne zu stellen.

Blöd ist nur, dass es ausgerechnet heute Nacht geregnet hat und die Zelte nass sind.

Bevor wir sie abbauen, fahren wir erst mal nach Annaberg zum Frühstücken und Einkaufen und bis wir losfahren können ist es 11:20 Uhr. Eigentlich hatten wir heute einen Endspurt von 90 Kilometern bis nach Dresden geplant, aber dafür ist es jetzt wohl schon zu spät. Um uns die Schlammpackung zu ersparen und schneller voranzukommen, fahren wir heute hauptsächlich auf richtigen Straßen, was aber zeitmäßig nicht viel bringt.

Autofahrer aus dem Erzgebirgskreis sind die schlechtesten der Welt. Also wahrscheinlich nicht alle, aber fast alle, die wir kennen. Für das Gaspedal gibt es nur zwei Stellungen, nämlich “Gas an” oder “Gas aus”. “Gas aus” benutzt man zu Hause in der Garage oder im städtischen Busdepot. Sieht ein Autofahrer mit dem Kennzeichen ERZ einen Radfahrer, fühlt er sich automatisch von diesem ungewohnten Bild überfordert. “Gas aus” geht ja nicht, weil sich der Wagen nicht in der Garage befindet, also wird mit “Gas an” versucht, irgendwie an dem Radfahrer vorbeizukommen. Auch vor Kuppen, Kurven oder bei Gegenverkehr.

Lebend erreichen wir einen Landstrich, in dem FG das ERZ verdrängt. Die Freiberger stellen die Ehre der Sachsen wieder her und beweisen, dass es auch anders geht.  Das macht sie uns sympathisch und wir beschließen hier Schluss zu machen. Die letzten 30 Kilometer bis Dresden sparen wir uns für morgen auf.

Freiberg ist eine Überraschung. Oder wie Christian es formuliert, “die hübscheste Stadt, von der ich noch nie gehört habe”. Nach einem ausgedehnten Stadtbummel enden wir am Ende in der Stadtwirtschaft, wo wir noch einmal tschechisches Bier und Essen zu deutschen Preisen bekommen. Man kann nicht überall hingehen und muss sich entscheiden. Gerne wären wir auch in das Restaurant “Himmel und Hölle” gegangen. Die werben damit, “Slow food” zu unterstützen und bieten auf einer Tafel daneben ein Quick Lunch an.

/\\\\ Christian sammelt Karmapunkte /\\\\

Früh um 8 drehen wir noch eine Runde durch das verschlafene Freiburg, dann müssen wir los nach Dresden. Unser Zug fährt von dort um 17.04, das sollte genug Zeit lassen, um vorher Essen zu gehen und uns etwas in Dresden umzuschauen. Wir sind gerade 3-4 Kilometer gefahren, da hält uns ein Mann an. Sein gestern neu erworbenes Rad („Ein echtes Schnäppchen. Kostet normalerweise fast 300 Euro“) hat einen Platten und ob wir ihm helfen könnten. Können wir natürlich, bzw. wir versuchen es. Es braucht zwei Flicken, bis wir alle Löcher gefunden haben (Schlangenbiss. Der Gute hätte sein Rad vielleicht mal aufpumpen sollen) und als wir alles zusammenbauen, reißt das Ventil ab. Jetzt hilft auch kein Flicken mehr und zeitlich wird es langsam eng. Der Typ ist Schiedsrichter und irgendwo warten bald zwei B-Jugendmannschaften auf den Anpfiff. Christian wirft sein Gepäck ab und fährt zurück nach Freiberg um einen Schlauch zu kaufen. Mittlerweile ist der Morgen schon gut fortgeschritten, als wir endlich weiter fahren.

Bei milden Temperaturen und Sonnenschein geht es nun durch Wälder und über Nebenstraßen Richtung Dresden. Wir können es angenehm ausrollen lassen. Dann kurz vor dem Dresdener Ortsschild gibt mein zweiter Reifen mit einem leisen Zischen den Geist auf. Wieder ist der Mantel ganz unten in der Felge, wo man nichts sieht, abgerissen. Vermutlich sind die Seitenwände zu schwach. Es wird jedenfalls wohl der letze Michelin-Reifen auf meinem Rad gewesen sein.

Christian kennt das Prozedere ja schon und macht sich auf den Weg nach Dresden um einen neuen Reifen zu kaufen. Der Arme Kerl hat heute nochmal 15 Kilometer mehr auf dem Tacho.

Mittlerweile reicht die Zeit nur noch für ein letztes Essen, dann machen wir uns auf den Weg gen Heimat.

Nur keine Missverständnisse aufkommen lassen

Christian wurde schon gefragt, warum er so ein Sklaventreiber sei und einige Leser äußersten die Meinung, dass so eine Tour komplett verrückt wäre. Mag sein, dass ich manche Dinge im Bericht etwas dramatisch dargestellt habe. Der Leser soll ja auch seinen Spaß haben.

Wir hatten jedenfalls auch unseren Spaß. Ein klein wenig sportlich sollte es schon sein, das wollten wir so und was mir besonders gut gefallen hat, waren die Waldwege. Damit wurden die Vorteile des Wanderns und des Radfahrens aufs wunderbarste kombiniert und ich frage mich langsam, warum ich das nicht schon immer so gemacht habe. Mein Dank daher an Christian, der ein hervorragender Reisebegleiter ist, und mich gelegentlich zu einem gelungenen Abstecher noch tiefer in die Wälder überredet hat.

Categories Allgemein

GR 53 – Tour des Vosges

Bildungsurlaub

Genug von deutschen Fernwanderwegen, dieses Mal geht es ins Elsass. Für Frankreichanfänger wie Andreas, dessen Frankreicherfahrungen sich auf einen kurzen Paris-Trip in den 80ern und eine Fährüberfahrt von Calais nach Dover beschränken, ist das erst mal französisch genug. Ziel der Reise ist es,  neben der Wanderung soviele elsässer und französische Spezialitäten wie möglich probiert zu haben. Soviel zum Bildungsauftrag.

Doch die Bildung kommt schon während der Anreise mit der Bahn nicht zu kurz. Ab Köln sitzen wir neben einem Versicherungsmathematiker, der bis Mannheim mit beeindruckendem Tempo Seite um Seite mit statistischen Formeln füllt. Welche Formel wollt Ihr wissen? Wir haben sie alle gesehen.

Von Mannheim bis Neustadt kommen wir dann noch in den Genuss eines kostenlosen Portugiesisch-Kurses durch eine portugiesische Altenpflegerin, die telefonisch ihre gesamte Verwandschaft über ihre neue Arbeitsstelle in Kaiserslautern informiert. Welche Vokabel wollt Ihr wissen? Wir haben sie alle gehört.

Unterwegs

Nachdem wir uns in Wissembourg mit Flammkuchen und Kronenbourg gestärkt haben, wir haben schließlich einen Bildungsauftrag zu erfüllen, nehmen wir den GR 53 in Angriff. Der Weg führt von Nord nach Süd über die Vogesen und ist mit roten Rechtecken bis auf wenige Ausnahmen gut ausgeschildert. Zusätzlich habe ich noch die IGN-Karte (http://www.visugpx.com/?i=1354905895) ausgedruckt und den Track auf meinen Garmin geladen.

Von Wissembourg bis Lichtenberg wandert man fast nur durch den Wald. Damit das nicht zu langweilig wird, führt der Weg nur selten über Forstwege, sondern meistens über kleine Pfade vorbei an Burgen und bizarren Felsen. Einfach geradeaus geht man dabei selten. Lange Anstiege und ebenso lange Abstiege sind die Regel.

Amtsprache auf dem ersten Teil bis Obersteinbach ist Deutsch. An einem Feiertag (in diesem Fall Christi Himmelfahrt) braucht man gar nicht erst versuchen, bei entgegenkommenden Wanderern ein „Bonjour“ anbringen zu wollen. An den kommenden Tagen ergab sich dann dafür selten die Gelegenheit, überhaupt jemanden zu grüßen.

Ankommen

Climbach

Hotel „l’Ange“ mit einer schönen Dachterrasse und einer freundlichen Wirtin. Die gerade mal 11 km haben uns heute nicht ausgelastet. Deshalb laufen wir noch zur Ruine einer alten Kapelle im Wald. Riesenattraktion. Es steht nur noch ein alter Spitzbogen, dafür gibt es aber einen kleinen Spielplatz, eine Liegewiese und einen Altar für Freiluftgottesdienste. Muss man nicht gesehen haben, aber der Weg war ganz schön.

Bildung: Irgendein Elsässer Bier, dessen Name sich nicht zu merken lohnte.

Obersteinbach

Hotel „Alsace Village“. Sehr einfach eingerichtete Appartments in einem Holzhaus im Garten. Der Garten ist recht naturbelassen aber gemütlich. Das Abendessen ist fantastisch. Von Obersteinbach haben wir nur den Garten des Hauses gesehen. Mehr Attraktion braucht es nicht.

Bildung: Fischer-Bier ist ganz lecker. Zum Abendessen einen Pinot blanc.

Im Garten unseres Hotels in Obersteinbach
Im Garten unseres Hotels in Obersteinbach

Niederbronn-les-Bains

Hotel „Majestic“. Je Pompöser der Name, desto älter und plüschiger das Hotel. Diesmal nicht inhabergeführt, wie bisher, sondern so unpersönlich, wie man Hotels halt so kennt. Nicht immer ganz geschmackssicher eingerichtet aber sauber und es hat an nichts gefehlt. Das Frühstücksbuffet war gut und trug mit Elsässer Sekt zum Bildungsprogramm bei.

Genauso lustig wie im Ortsnamen von Niederbronn mischen die Elsässer auch sonst Deutsch und Französisch. Bisher sprachen die meisten Deutsch. Auch die Einheimischen untereinander reden oft Deutsch und wechseln dabei manchmal mitten im Satz von einer Sprache in die andere. Wenn sie sich nicht wegen uns Mühe geben, hochdeutsch zu reden, versteht man sowohl die eine wie die andere Sprache nicht.

Das abendliche Bildungsprogramm: Bordaux, einen hervorragenden Munster-Käse und das Pain aus unserem Obersteinbacher Lunchpaket, an dem wir auch am nächsten Tag noch zu knabbern haben. Außerdem ein paar Carambas aus dem Mitbringpaket für die Kinder. Wegen der französischen Witze auf der Innenseite der Verpackung.

Lichtenberg

Hotel „Le Soleil“. Nachdem es morgens grau und kühl war und wir uns mittags gerade noch unter einem Dach vor einem Wolkenbruch in Sicherheit bringen konnten, haben wir unsere ganze Hoffnung in das Hotel „Zur Sonne“ gesetzt. Es hat dann auch geklappt. Mein Zimmer hat einen sonnigen Balkon und abends sitzen wir mit unserem Bildungsprogramm (Kronenbourg und ein Reste-Picknick inklusive dem Pain aus Obersteinbach) auf der Burg hoch über dem Ort in der Sonne. Die Wirtin mag uns nicht oder ist immer so schräg drauf. Der Wirt ist, obwohl Bayern-Fan, aber ganz nett und am Hotel gibt es ansonsten nichts auszusetzen.

Abfahren

Auf der Rückreise gönnen wir uns noch eine mehrstündige Unterbrechung in Straßburg. Mein Lieblingsplatz ist dort die windgeschütze, sonnige Treppe des Münsters. Hier kann man wunderbar Touristen beobachten, wenn sie sich den Hals verrenken um nach oben zu schauen.

Categories Allgemein