Channelroute 2008

Dieses Jahr sollte es ein kombinierter Rad-, Schiffs- und Badeurlaub werden. Von Bayeux aus sollte es durch die Normandie mit dem Rad nach St. Malo gehen. Dort wollten wir mir der Fähre auf die Kanalinseln Jersey und Guernsey übersetzen. Die Rückfahrt sollte dann zu einem der normannische Fährhäfen Granville oder Cateret erfolgen. Bewusst hatte ich nichts gebucht, um möglichst flexibel zu sein. Als ich mich auf der Hinfahrt in Granville nach den Fährzeiten erkundigte, kamen mir allerdings schon Zweifel, ob sich der Plan so verwirklichen ließe. Die Fähren der normannischen Fährlinie sind klein und nehmen nur sechs Räder mit. Da sie nicht oft fahren kamen auch nur wenige Fähren für uns in Betracht und die Dame am Terminal hatte uns eine vorherige Reservierung sehr ans Herz gelegt. Als Alternativroute zogen wir daher St. Malo als Rückfahrthafen in Betracht, da von dort aus täglich mehrere Autofähren verkehren.

Doch dann kam alles noch ganz anders.

001 Karte Channelroute

Fr. 4.7.08 Hinfahrt

Friedhof und Wasserturm von Trevieres
Friedhof und Wasserturm von Trevieres

Bahnfahren wäre schön gewesen, aber leider haben wir in Frankreich keine brauchbare Verbindung gefunden. So darf das Auto mal wieder fahren. Gegen 15.00 Uhr kommen wir in Trévières, 20 km nördlich von Bayeux, an. Eigentlich wollten wir uns den Teppich angucken. So war der Plan, aber als wir in Bayeux sind, steht uns der Sinn nur nach Ankommen. Stattdessen fahren wir abends, nachdem das Zelt steht, zum amerikanischen Soldatenfriedhof. Riesenauflauf. Ein amerikanischer „Honour Choir“ ist in blauen Hemden gefühlte 500 Mann stark angerückt um der Toten musikalisch zu gedenken. Nachdem wir ein wenig zugehört haben, gehen wir runter zum Omaha-Beach. Dort geht es heutzutage gottlob friedlicher zu. Nur die Einsiedlerkrebse haben heute noch unter uns Deutschen zu leiden. Den Abend beschließen wir bei Cidre und Jus de Pommes auf der Ladefäche unseres Kombis

Sa 5.7.08 – Sonnig, sehr windig – 58km

Oder doch besser einen Wohnwagen?

Es dauert etwas, bis wir unsere Taschen neu gepackt haben. Komisch, zu Hause schafft man es nie alles in der richtigen Reihenfolge zu packen. So kommen wir erst sehr spät los. Mit Gegenwind in Fastschonsturmstärke geht es über Nebenwege durch eine idyllische Landschaft. In Carentan sind wir froh, dass die Strecke auf einer stillgelegten Bahntrasse weitergeht. Das ist zwar ziemlich öde -gerade Strecke, rechts und links Bäume- aber der Wind lässt uns zwischen den Bäumen in Ruhe.

In La-Haye-du-Puits geraten wir in einen Autokorso. Eine Hochzeitsgesellschaft quält sich im Schritttempo in einer nicht enden wollenden Schlange durch die verstopften Straßen. Das Hupkonzert ist mit den gleichzeitig läutenden Kirchenglocken ein kaum auszuhaltender Lärmteppich. Im Laufe des Abends wird sich das Spiel, ohne Kirchenglocken, noch zwei mal wiederholen.

Am Ortsrand finden wir einen 4-Sterne-Platz. Hier können wir ausgiebig im Pool planschen. Sogar eine große Wasserrutsche gibt es.

Das Restaurant, in das wir anschließend einkehren erweist sich ebenfalls als Glücksgriff. Nach dieser Sturmfahrt haben wir uns ein wenig Luxus verdient.

Fazit des ersten Tages: Nicht wir sondern die Franzosen sind Weltmeister im Autokorso. Die brauchen dafür noch nicht mal eine Fußball-EM. Vielleicht trösten sie sich so aber auch nur über ihr frühes Ausscheiden hinweg.

So 6.7.08 bewölkt, stürmisch – 35km

Muschelsucher
Muschelsucher

Unser Luxusplatz hat auch Bänke und Tische auf denen man Frühstücken kann. Dumm nur, dass der Wind mit 65km/h darüber fegt. So wird das Frühstück zum ungemütlichsten Frühstück seit langem. Wer seinen Teller nicht festhält, findet ihn irgendwann auf dem Boden wieder. Im Gegensatz zu gestern hat der Wind gedreht. Er kommt jetzt mehr aus Süden. Genau die Richtung, in die wir heute fahren. Zusammen mit den 12km/h die wir fahren, sind das immerhin 77km/h und das ist doch gar kein schlechter Schnitt.

In Gouville-sur-Mer überrascht uns ein Schauer, den wir aber locker in einer Creperie aussitzen.

Agon-Courtainville ist Endstation. Bei dem Sturm muss das reichen.

Es ist Ebbe. Der Strand ist endlos breit. Wir machen eine kleine Strandwanderung, die mit einer ganzen Tüte voller Muscheln endet.

Fazit: Auch wenn man glaubt, rückwärts zu fahren, kommt man immer noch voran.

Mo 7.7.08 bewölkt, Schauer 49km

Hafen von Granville
Hafen von Granville

Regen weckt uns. Gefrühstückt wird heute im Zelt. Bis Granville geht die Fahrt nur über kleine Feldwege und durch winzige Dörfer. In St. Martin machen wir einen kleinen Abstecher zur Kirchenruine aus dem 9.Jh.

Immer wieder werden wir nass, aber da anschließend meistens die Sonne rauskommt, ist es wenigstens nicht allzu kalt. Außerdem hat der Wind etwas nachgelassen. Als wir nach Granville hineinfahren, fängt es wieder an zu regnen und nass wie ein begossener Pudel kommen wir unten im Ort an. Unserem Kind stiert mittlerweile der Hunger aus beiden Augen. Nass und Hungrig ist eine schlechte Kombination und so sinkt ihre Laune ihrem Tiefpunkt entgegen, während ich die Fahrt durch die wunderschöne Altstadt genieße. Auf der Suche nach etwas zu Essen sehen wir die tollsten Sehenswürdigkeiten, die schönsten Ausblicke über die Stadt, nur kein Restaurant, das uns gefällt oder einen Supermarkt. Als wir kurz vor dem höchsten Punkt der Stadt sind, platzt Heike auch noch der Vorderreifen. Während ich den Reifen wechsel, packt unser Kind die blanke Verzweiflung. Allein macht sie sich mit ihren12 Jahren zu Fuß auf den Weg und fragt sich zum nächsten Supermarkt durch. Als sie wiederkommt, hat sie eine ganze Tüte voller Baguette, Obst, Wurst und anderen Leckereien dabei, so dass wir nun endlich etwas Essen können.

Der Hafen von Granville. Ein Helm ist ein unerläßliches Assesoir auf einer Radreise. Das merke ich, als direkt neben mir eine riesige Miesmuschel aus dem Himmel fällt. Offensichtlich haben die Möwen hier ihre ganz eigene Methode, Muscheln zu knacken.

In Jullouville kommen wir auf einem Campingplatz direkt am Meer unter. Hier stehen wir windgeschützt und hören hinter uns das Meer rauschen.

Fazit: Regen ist auch nicht schlimmer als Wind.

Di 8.7.08 Wolken+Sonne 0km

Heute fahren wir mal nicht, sondern wandern am Strand, lesen und arbeiten an unserer Bräune. Zum Schwimmen sind wir nicht hart genug – oder es ist zu kalt.

Das Waschhaus unseres Campingplatzes ist ein rundum offenes Gebäude. Es besteht aus lauter einzelnen Kabinen über denen in luftiger Höhe das Dach schwebt und ist das zugigste Waschhaus, das ich kenne. Da es auf dem höchsten Punkt des Platzes steht, ist es von überall zu sehen und damit auch das interessanteste Waschhaus. Schon morgens beim Frühstück dürfen wir ein kleines Mädchen beobachten, das offensichtlich Angst hat, die Tür zu verschließen und deshalb bei weit geöffneter Tür ihr Morgengeschäft mit Blick über den Platz verrichtet.

Im Laufe des Tages fällt dann immer wieder eine Gruppe Jugendlicher auf, die ungefähr im Stundentakt johlend gemeinsam unter der Dusche verschwinden. Die jungen Helden müssten eigentlich schon eine Schrumpelhaut wie die Waschweiber haben.

Fazit: Wir haben diesmal hervorragend gepackt. Bisher war nichts zu viel und nichts zu wenig. Auch das mitgenommene Taschenbuch durfte heute mal zum Einsatz kommen.

Mi 9.7.08 bewölkt, trocken 50+14km

Erster Blick auf den Mont Saint-Michel
Erster Blick auf den Mont Saint-Michel

Zwar haben wir heute eine geschlossene Wolkendecke, aber die Temperaturen sind angenehm und der Wind bläst ausnahmsweise mal von hinten. Wir umrunden die Baie du St. Michel. Immer wieder tauchen Ausblicke auf das gegenüber liegende Kloster auf. In Avranche wird es noch einmal spannend. Der Weg in die Stadt führt über eine schmale aber stark befahrene Straße steil bergauf. Entsprechend lang ist die Autoschlange, die wir mit ca. 6km/h hinter uns herziehen. Nach einer Kurzbesichtigung und einem Eis geht es dafür mit 18% Gefälle weiter.

15km vor dem Ziel schmeißt Heike fast ihr Rad in den Straßengraben. Ausgeschildert sind plötzlich 24km für Radfahrer. Mit ihrer leichten Erkältung ist sie eh schon angeschlagen und nach den ganzen Bergtouren für zehn Kilometer mehr nicht mehr zu begeistern. Zum Glück stellt sich heraus, dass die Radroute ein paar Schlenker mehr macht als unser geplanter Weg, den wir natürlich nicht verlassen.

7km vor dem Mont St.Michel nehmen wir uns ein Zimmer. Nachdem wir uns Landfein gemacht haben, geht es zum Kloster. Die mitgebrachten Lebensmittel packen wir einfach ein und nehmen unser Abendbrot auf den Zinnen des Klosters ein.

Fazit: Ein Picknick mit Aussicht ist noch viel exklusiver als die Feinschmeckerlokale unter uns.

Do 10.7.08 Schauer, Sonne 53km

Morgens kommt immer wieder ein nieseliger Regen runter. Mehrmals begegnen wir zwei Radlerinnen, die die ausgeschilderte Route nach Cancale nehmen, während wir nach unseren gestrigen Erfahrungen diese Route ignorieren und streng nach Karte fahren. Die offizielle Route geht über einen ziemlich matschigen Weg, während unser Weg über asphaltierte Straßen läuft, aber die Bauern machen uns mit ihren Maschinen einen Strich durch die Rechnung und bald sind wir genauso schlammverspritzt wie unsere Radlerinnen auf der offiziellen Matschroute. Nach dem Mittag kämpft die Sonne sich durch und die Bucht von Cancale liegt in wunderschönem Blau vor uns.

Hirel: Eine Gruppe französischer Pfadfinderinnen kommt uns entgegen. Kluft, Rucksack, Isomatte, Schlafsack – und an der Hand ein Beautycase.

Gegen 16.00 kommen wir in St.Malo an und fahren als erstes zum Fährterminal um die Weiterfahrt auf die Kanalinseln zu regeln.

16.10: Die nette Dame am Schalter der Jerseyfähren tüftelt mir einen Fahrplan aus, wie wir Guernsey, Jersey und Sark in unseren restlichen Urlaubstagen schaffen können. Abfahrt morgen.

16.30: Wir stellen fest, dass heute um 17.30 Uhr auch noch eine Fähre geht. Bevor wir buchen, möchte ich aber klären, wie wir von St.Malo mit dem Zug nach Bayeux kommen, damit wir bei der Rückfahrt keine Überraschung erleben.

16.35: Nachdem ich das Gepäck zurückgelassen habe, fahre ich im Rekordtempo zum Bahnhof. Die Rückfahrt nach Bayeux ist kein Problem.

16.55: Ich bin zurück am Fährterminal. Die nette Dame am Schalter macht sich sehr viel Mühe, meine geänderten Planungsvorgaben neu umzusetzen. Währenddessen wird die Schlange hinter mir immer länger aber sie wird ja wohl wissen was sie tut.

17.15: Wir einigen uns über die Zahlungmodalitäten. In einer Viertelstunde geht die Fähre. Die Dame am Schalter braucht nur noch die Passports von allen Mitreisenden. Ich muss nochmal raus, weil ich nur meinen eigenen Personalausweis dabei habe.

17.17: Mit den restlichen Reisedokumenten stelle ich mich in der mittlerweile sehr lang gewordenen Schlange an, blättere gelangweilt im Kinderpass meiner Tochter und – stelle fest, dass ich den alten abgelaufenen Reisepass meiner Frau in den Händen halte.

17.20: Die Welt gerät aus den Fugen.

17.22: Die nette Dame am Schalter bestätigt, dass auch Kinder einen gültigen Pass für die Einreise nach GB benötgen. Ohne will sie uns nicht auf die Fähre lassen. Was haben die in Schengen da eigentlich gemacht?

17.30: Die Fähre legt ohne uns ab.

Es breitet sich eine leichte Krisenstimmung aus. Wie kommen wir an den Kinderpass? Eine Kollegin von Heike wollte doch nach St.Malo und am nächste Wochende kommen. Ein Anruf klärt die Sache. Sie kommen erst eine Woche später.

19.00: Nach unzähligen Telefonaten und nachdem zuhause zwei Leute unseren Schrank auf den Kopf gestellt haben, ist zumindest der Kinderpass wieder aufgetaucht. Morgen muss ich dann rausbekommen, ob es eine Möglichkeit gibt, den Pass per Express hier hin zu befördern, oder ob wir uns ein Alternativprogramm ausdenken müssen.

Saint-Malo
Saint-Malo

St. Malo hat einen wunderschön gelegenen Campingplatz, direkt an der Zitadelle mit Blick über die Bucht. Dort schlagen wir unser Zelt auf. Der Abend wird dann noch ganz schön.

Fazit: So gut kann man gar nicht packen, als dass nicht noch irgendetwas schief gehen könnte

Fr 11.7.08 Sonnig, wechselhaft

Für 40,- Euro kommt der Pass per Express zu uns. Immerhin, einmal Essen gehen ist teurer. Jetzt heißt es warten. Wir fahren in die Altstadt von St.Malo. Die ist ein riesiger Touristenrummelplatz. Hier gibt es vor allem Souvenirs, Geldautomaten und ein kulinarisches Angebot vom Imbiss bis zum Edelrestaurant. Ach ja, und eine interessante durchgängig erhaltene Stadt inclusive Befestigungsanlagen. Den Nachmittag verbringen wir auf der faulen Haut am Zelt.

Fazit: Manchmal sind Unglücke auch Glücksfälle. Etwas Ruhe ist auch nicht schlecht.

Sa 12.7.08 sonnig

Minigolf
Minigolf

Der Brief mit dem Pass hat es leider nicht mehr vor dem Wochenende hierher geschafft. Also haben wir heute und morgen noch mal Pause. Wir hätten es schlimmer treffen können. Immerhin ist es hier ganz schön.

St.Malo am angesagtesten Eisstand der Stadt. Ich bestelle in meinem besten Französisch bei der hübschen blonden Bedienung 2 Kugeln und bekomme so viel Eis, dass es kaum zu schaffen ist. Komisch, Heike und Lina haben nur halb so viel. Als Mann genießt man hier noch echte Vorteile.

Abends an der Zitadelle. Nachdem die Sonne sich mit einem großen Showdown verabschiedet hat, bricht die Dunkelheit herein. Ein kalter Wind weht, so dass wir dicke Jacken anziehen müssen. Laue Sommernächte sind das nicht. Aber dafür ist es, bis auf ein paar vom Mond beleuchteten Wolken, sternenklar, die Boote und Bojen funkeln zwischen kleinen dunklen Inselchen auf dem Meer und der Mond wirft silberne Bahnen auf’s Wasser. Wir stehen am höchsten Punkt der Bunkeranlagen aus dem 2.Weltkrieg. Rechts von uns liegt die beleuchtete Altstadt von Saint-Malo und der Hafen. Hinter uns, etwas verdeckt durch Bäume, der Stadtteil St. Servain mit eigenem Hafen und dem mittelalterlichen, ebenfalls beleuchtetem Festungsturm „Solidor“. Links von uns, auf der anderen Seite des Meeresarms liegt Dinard. Dort findet offensichtlich ein Stadtfest statt, denn leise dringt Musik zu uns herüber. Direkt vor der Stadt liegen bestimmt 100 Boote vor Anker, deren Positionslichter im Wasser schaukeln. Hinter Dinard schließt sich die bretonische Küste mit ihren vielen vorgelagerten Felsinselchen als dunkler Streifen an, an deren hinterstem Ende der Leuchtturm von Cap Fréhel blinkt.

Plötzlich steigt über Dinard eine Rakete auf. Es folgt ein langes Feuerwerk, begleitet von Musik, die leise zu uns herüber schallt. Immer höher, immer gewaltiger werden die feurigen Gebilde. Es gibt lange gerade Grashalme, züngelnde Flammen riesige Bäume nur aus Licht. Dann bricht der ganze Zauber plötzlich ab. Dafür erheben sich an einer anderen Stelle der Stadt plötzlich kleine Lichter, die kaum über die Dächer kommen, denen aber schnell immer höhere Lichter folgen und sich bis zum nächsten Höhepunkt steigern. So geht es noch einige Male. Jedesmal, wenn man dachte, das wäre jetzt das Finale, geht es wieder von vorne los.

Nach dem Feuerwerk lichten die vor Dinard liegenden Boote die Anker und verstreuen sich in alle Richtungen. Auch wir verlassen unseren Aussichtspunkt und verstreuen uns in Richtung Schlafsack.

Fazit: Auch kalte Nächte können magisch sein.

So 13.7.08 morgens Regen, mittags Sonne

Am Strand liegen und hochgucken

Langsam finde ich unseren Platz doch nicht mehr so schön. Plätze, die auf Vorkasse bestehen, sind offensichtlich immer mit Vorsicht zu genießen, wir hatten früher schon mal die Erfahrung gemacht. Weil wir ja eigentlich nur auf unseren Pass warten, können wir nur von einem Tag auf den anderen zahlen, da wir nicht wissen, wie lange wir bleiben müssen. Beim zweiten mal wurde uns eröffnet, dass wir unseren jetztigen Platz nur bis Sonntag behalten können, da er danach wieder reserviert ist. Na gut, kann man nichts machen, müssen wir heute umbauen. Der Platz, den wir nun bekommen ist allerdings um Längen schlechter. Nicht nur, dass er direkt am Eingang liegt und viel kleiner ist. Unsere Nachbarn haben den Platz auch noch zur Hälfte okkupiert und so müssen wir unser Zelt so nah an deren Zelt bauen, dass sich fast die Zeltschnüre verheddern. Die werden uns dafür lieben, wenn sie wieder kommen.

Nach dem Umzug kommt die Sonne raus und wir gehen zum Strand. Als wir abends zurück sind, ist der Platz fast leer. Alle Wochenendgäste sind abgereist, viele Plätze sind frei. Auch unser alter Platz ist noch frei. Ich komme mir reichlich veräppelt vor und bin davon überzeugt, dass wir einfach unbequeme Gäste sind, die sie gerne loswerden wollen, oder deren Notlage sie ausnutzen. Den Campingplatz Cité de Aleth kann man trotz der schönen Lage nicht unbedingt empfehlen. Morgen sind wir weg. Wenn der Pass morgen nicht da ist, fahren wir eben erst mal weiter in die Bretagne.

Fazit: Plätze mit Vorkasse muss man meiden. Wer sein Geld schon hat, braucht sich beim Service offensichtlich keine Mühe mehr geben.

Mo 14.7.08 sonnig 12km

Der Platz ist uns mittlerweile richtig verleidet. Unsere Nachbarn, denen wir so dicht auf die Pelle rücken mussten, kamen nachts um 2.00 zurück und mussten den Abend noch mal für zwei Stunden ausklingen lassen. Leider ist die französische Sprache nicht dazu geschaffen, leise gesprochen zu werden. Abgesehen davon sehen unsere Nachbarn das auch gar nicht ein. Eigentlich wollte die Campingplatzleitung mit ihnen sprechen und sie bitten, unseren Platz zu räumen. Das ist natürlich nicht geschehen, und so sehen die Franzosen uns als die Eindringlinge an und nicht umgekehrt. Nachts um drei werde ich das Missverständnis mit meinen rudimentären Französischkenntnissen auch nicht mehr aufklären können.

Aber die Platzleitung kann auch anders. Am Eingang steht ein Automat für Süßigkeiten, der am Abend vorher 2,10€ geschluckt hat, ohne die Ware rauszurücken. Morgens klebt ein Zettel „en Panne“ dran. Als ich in der Rezeption meine 2,10€ anspreche, redet sich die Campingplatzzicke (es ist immer dieselbe und man kommt nicht an ihr vorbei, weil sie sich auch in Gespräche einmischt, wenn man ihre Kolleginnen anspricht) nicht nur mit der Fremdfirma raus, die den Automaten betreibt, sondern behauptet auch noch frech, der „en Panne“-Zettel hätte gestern schon gehangen und wir wären selber schuld, wenn wir noch Geld rein werfen. So war es aber definitiv nicht. Es reicht wirklich. Hier können wir nicht bleiben. Unser alter Platz ist übrigens immer noch unbesetzt.

Ich frage nach, ob unser Pass mittlerweile gekommen ist, und erfahre, dass Montags nie Post kommt weil die französische Post Montags nicht arbeitet. Also immer noch kein England. Mist! Da das Wetter schön ist und wir uns nicht zu weit von St.Malo entfernen wollen, fahren wir nur über die Barrage de la Rance in den nächsten Ort. Die Barrage ist ein Gezeitenkraftwerk. Darüber führt eine 4-spurige Straße wie eine Autobahn ohne Standstreifen. Bei uns wäre so etwas garantiert für Fahrräder verboten und wir sind etwas unsicher, ob wir hier fahren dürfen. Da es aber keinen anderen Weg gibt, fahren wir am Ende doch. Möglicherweise waren wir heute in den Verkehrsnachrichten und hatten unsere Viertelstunde Berühmtheit. Wir werden es nie erfahren.

Der Platz, auf dem wir kurz hinter Dinard landen, ist eigentlich ganz nett und hat einen schönen Strand. Nur ist er völlig überfüllt und natürlich hat unser Nachbar gerade heute Geburtstag und alle seine Freunde eingeladen.

Abends gehen wir noch mal zum Strand. Es ist wunderschön. Heute ist es zum ersten mal auch abends schön warm.

Fazit: Im Sommer am Meer zu zelten, ist schwierig. Dafür ist es einfach zu voll. Offensichtlich hatten wir vor zwei Jahren nur Glück, oder Dänemark ist anders als Frankreich.

Di 15.7.08 morgens bewölkt, ab Mittag Sonne

Morgens beschließen wir eine Klippenwanderung zu machen, aber irgendwie ist die Luft drückend und es kommt nicht der recht Spaß auf. So endet die Wanderung schon hinter der nächsten Biegung auf einem Felsen mit schöner Aussicht. Das ist auch ganz gemütlich. Sogar die Möwen beneiden uns um unser kleines Picknick, obwohl sie doch gar kein Obst mögen.

Nach Mittag ist Strandleben angesagt.

Unser Pass ist immer noch nicht da. Ich fahre zur Post und frage nach, wie lange so ein Brief brauchen kann. Der Beamte meint 4-5 Werktage. Samstag, (Montag ist kein Werktag), Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag (?). Im Internet stand etwas vom nächsten Werktag auf der Postseite. DAFÜR haben wir 40,-Euro bezahlt.

Wir kommen langsam an einen Punkt, an dem die Sache kippt. Bisher war der Urlaub noch fast wie geplant, nur an einem anderen Ort. Aber nun muss es irgendwie weitergehen. Wenn wir bis zum Schluss warten, lohnt es die Überfahrt nach Jersey kaum noch. Wenn wir Jersey jetzt aufgeben, kann es sein, dass wir den Brief nur knapp verpassen.

Fazit: Schluss mit Warten. Dieser Urlaub wird ein Badeurlaub. Zum Radfahren ist unsere Tochter nicht mehr zu bewegen. Wir akzeptieren das einfach und lassen uns überraschen, ob es mit Jersey noch was wird…

Bar in Saint-Lunaire
Bar in Saint-Lunaire

Mi 16.7.08 sonnig

Strand, Stadtbummel in Dinard.

DinardHier wird noch mit Hingabe und Liebe geputzt. Ein städtischer Angestellter fegt mit einem Reisigbesen die Gosse. Es geht auch ohne lärmende Laubsauger und Kehrmaschine. Der Angestellte des Campingplatzes putzt mehrmals am Tag die Toilletten. Auf Knien liegt er in den Duschen und schrubbt den Boden. Die sind alle fleißig hier.

Heute haben wir auch Jersey endgültig aufgeben. Die Lauerstellung geht uns auf die Nerven. Außerdem sind wir zwar zum Fahren gut ausgerüstet, aber zum Campen an einem Ort fehlt es überall. Vor allem die tägliche Nahrungssuche wird langsam lästig. Da wir bisher jeden Tag mit der Weiterreise gerechnet haben, war eine Vorratshaltung praktisch nicht möglich.

Ab morgen habe ich auf dem benachbarten Platz ein Mobilheim gemietet. Mit Kühlschrank! Das hätten wir schon zwei Tage früher machen sollen. Nach Jersey fahren wir nächstes Jahr.

Fazit: Endlich klare Verhältnisse. Langsam wurde die Warteschleife ungut. Die 40,-Euro für den Expressbrief haben wir abgeschrieben. Da sind wir wohl auf Werbelyrik reingefallen.

Do 17.7.08 – Mi 23.7.08 jeden Tag sonniger und wärmer

Ferien im Mobilheim

Klippenwanderungen, Radtouren, Kartenspiele, Lesen, Strandleben

Die bretonische Küste ist durch den großen Gezeitenunterschied sehr interessant. Vor den von Klippen umrahmten Badebuchten liegen je nach Wasserstand mal mehr, mal weniger Felsinseln, so dass sich die Küste jeden Tag etwas anders präsentiert.

Eine sehr schöne Wanderung geht am Ufer der Rance entlang. Von Richardais geht es auf einem schmalen Fußpfad durch einen Wald am Rand der Klippen in Richtung Süden. Immer wieder hat man durch die Bäume schöne Aussichten auf das breite, von Ebbe und Flut beherrschte Flussbett oder wandert durch verträumte Dörfer.

Saint-Briac-sur-Mer
Saint-Briac-sur-Mer

Unseren Pass haben wir mittlerweile auch wieder. Die Post trifft keine Schuld. Laut Eingangsstempel wurde er am Dienstag bei der Stadtverwaltung abgeliefert. Da der Campingplatz ein Camping Muncipal ist, waren die wohl zuständig. Danach ist der Brief anscheinend noch einige Tage durch die Ämter gewandert – oder auf dem Campingplatz verbummelt worden. Allerdings: Wir wollten es mal wissen, und hatten einen Brief mit einer Postkarte als Inhalt in umgekehrte Richtung geschickt. Als “Poste prioritaire“ dauert das von Dienstag bis Donnerstag und kostet 2,50€.

Do 24.7.08 sonnig, schwül. 30km

Dinan
Dinan

Heute geht es weiter. Wir müssen langsam den Rückweg antreten. Durch eine hügelige Landschaft mit kleinen bretonischen Dörfern geht es nach Dinan. Wenn ich die Beschriftung auf der Straße richtig deute, folgen wir mal wieder den Fahrern der Tour de France.

Gegen Mittag erreichen wir Dinan. Die Stadt verbreitet trotz der vielen Touristen mittelalterliches Flair und lohnt wirklich einen Besuch. Auch wegen des idyllischen Hafens an der Rance, der von einem riesigen Viadukt überspannt wird. Das Vergnügen wird heute leider etwas durch die drückende Hitze und den völlig zusammenbrechenden Verkehr getrübt, dem man selbst mit dem Fahrrad kaum entgehen kann.


Fazit:
Mittelalterliche Straßen sind zwar schön, aber für heutige Verkehrsverhältnisse völlig ungeeignet.

Fr 25.7.08 sonnig 45km

Heute geht es an die letzte Etappe. Bis Dol-de-Bretagne mit dem Rad und dann mit dem Zug nach Bayeux. Sofort der Anfang ist schon spektakulär. Direkt hinter Dinan führt die Straße über ein riesiges Viadukt hoch über dem Tal der Rance.

Danach geht es mit leichtem Rückenwind und überwiegend bergab durch Felder und Wiesen. Auf halber Strecke kommen wir an einem Cidremuseum vorbei. Da wir noch viel Zeit haben, bis unser Zug fährt, und außerdem noch eine Degustation dabei ist, halten wir an. Das Museum ist auf einem alten Bauernhof und genauso, wie solche Museen immer sind. Jemand hat den Dachboden entrümpelt, ausrangierte Schaufensterpuppen in Trachten gesteckt, das Wort „pomme“ in alle möglichen Sprachen übersetzt und -noch am interessantesten- Opas Fotoalbum geplündert. Dazu gibt es einen Videofilm von 1986. Gezeigt wird die damalige Fète du Blé. Männer in historischen Trachten zeigen die Herstellung von Cidre und Holzfässern en detail. Auf Schnitte und sonstigen dramaturgischen Schnickschnack wurde bei Super-8-Filmen damals offensichtlich noch verzichtet. Der Film hat, bis auf die historischen Kostüme der Zuschauer von 1986, gewisse Längen. Da wir die einzigen Zuschauer und Herr über die Fernbedienung sind, lassen wir ihn mit achtfacher Geschwindigkeit laufen. Das macht es erträglich.

Die Chefin des Museums ist dann aber ganz nett und nach der anschließenden Degustation hat Heike leichte Schwierigkeiten bei der Weiterfahrt. In heiterer Stimmung erreichen wir Dol-de-Bretagne, wo wir uns erst um die Fahrkarten und dann um unseren Magen kümmern. Die Besichtigung der Kathedrale fällt leider aus, da dort gerade eine Beerdigung statt findet.

Die Zugfahrt nach Bayeux verläuft angenehm. Die Türen des TER sind breit genug für unsere beladenen Räder. Nach dem Abladen des Gepäcks werden die Räder senkrecht aufgehängt. Die mitreisende Pfadfindergruppe hat offensichtlich ein hartes Wochenende hinter sich und ist schnell eingeschlafen.

Kathedrale von Bayeux
Kathedrale von Bayeux

Um 17.00 Uhr kommen wir in Bayeux an. Wir haben Glück, die Teppichausstellung ist noch offen. Diesmal gibt es zwar nichts zu trinken, aber die Ausstellung ist wesentlich interessanter. Mit einem Audiogerät im Telefonformat wandert man an der 1000 Jahre alten Bildergeschichte über Wilhelm, den Eroberer, entlang und hört gleichzeitig im Audiogerät die Geschichte in der eigenen Muttersprache. Ein diesmal gut gemachter Kinofilm auf englisch und französisch und eine Ausstellung runden die Sache ab.

Langsam wird es Zeit, uns eine Unterkunft zu suchen. Wir möchten auch diesmal wieder B+B haben, da man dort morgens deutlich früher weg kommt, als vom Zeltplatz.

Die Dame im Tourismusbüro spricht hervorragend deutsch und gibt mir erst mal einen Prospekt mit verschiedenen Unterkünften. Die Preise sind allerdings ziemlich gesalzen und Bayeux erscheint uns auf den ersten Blick auch nicht so attraktiv, dass wir hier bleiben möchten. Alles wirkt irgendwie etwas heruntergekommen. So beschließen wir, die 20 km nach Trévières, wo unser Auto steht, noch dran zu hängen und bitten die Dame im Tourismusbüro, nachzufragen, ob dort noch ein Zimmer frei ist. Es ist. Sofort fängt sie an, uns den Weg zu erklären – über die Autobahn. Als ich ihr eröffne, dass wir mit dem Rad hier sind, fällt ihr der Kinnladen herunter. Sie kann es gar nicht fassen, wie man drei Wochen ohne Auto leben kann und ihr verblüfftes Gesicht ist wirklich sehenswert. Wir haben ähnliche Reaktionen in den letzten drei Wochen schon oft erlebt, wobei die meisten Franzosen sich eher lustig über so einen Irrsinn gemacht haben. Von einem Profi im Tourismusbüro hätte ich aber doch gedacht, dass ihr so etwas schon öfter untergekommen wäre.

Gegen 20.30 Uhr kommen wir in Trévières an. Die Wegbeschreibung ist eindeutig: „Hinter dem Wasserturm die erste Straße links und dann das zweite Haus auf der rechten Seite“. Als wir den Wasserturm erreichen, freuen wir uns schon, am Ziel zu sein. Nur leider steht der Turm am Ortsausgang und weit und breit geht keine Straße ab. Wir vertrauen der Wegbeschreibung und fahren weiter, bis im nächsten Ort eine Straße links abgeht. Es gibt auch ein erstes Haus auf der rechten Seite. Dann kommen nur noch Felder und Hecken während es steil bergab geht. Langsam kommen uns doch Zweifel an der Wegbeschreibung, aber gefühlte 5km weiter kommt dann doch noch ein Haus. Als wir bei unseren Gastgebern aufkreuzen ernten wir ähnliches Erstaunen, wie in Bayeux.

Fazit: Morgen ist der Urlaub endgültig zu Ende. Für die Rückfahrt noch mal zwei Radetappe gebraucht zu haben, hat die Sache schön abgerundet. Der Abschied von einem Einmal-Übernachtungsplatz fällt auch viel leichter, als von einem Ort, an dem man eine Woche verbracht hat.

Nachdem wir 3 Tage zu lange auf den Pass für die Jerseyfahrt gewartet haben, war es gut, dass wir in Dinard dann doch noch die Kurve gekriegt haben. So ist es am Ende doch noch ein schöner Urlaub geworden.

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