2010 Hexensteig im Harz

Ich muß zugeben, dass mich der Harz eher an Kaffeefahrten mit haufenweise alten Leuten erinnert, aber im Wald merkt man das ja nicht so und die Gegend soll ja ganz schön sein. Nachdem wir letztes Jahr auf der letzten Rothaarsteigetappe nur Forst- und Feldwege gelaufen sind, zieht es Andreas und mich zum Wandern nun in die unberührte Natur zu den Hexen und Wölfen.
Ausblick von Torfhaus auf den Brocken

Freitag, 10.9.10
Osterode – Buntenbock
Die Zugfahrt nach Osterode gestaltet sich abwechslungsreich. Ab Hamm dürfen wir im Prinzenwagen mitfahren. Um uns herum hat eine Gruppe Kölner Karnevalsprinzen die Sitze belegt und verbreitet unüberhörbar den Sound von BAP und den Bläck Föös. Für uns Westfalen ist das gewöhnungsbedürftig, es dauert ein wenig, bis wir es überhören können.
Wir kommen ins Gespräch mit einem Mitfahrer, der in Clausthal-Zellerfeld studiert hat. Seine These, das dort die einzige Uni mit zwei Wintersemestern (eins mit und eins ohne Schnee) steht, lässt mich meine Packliste noch mal überdenken.
 

Der Bahnhof Salzgitter-Ringel(blumen)heim ist wirklich extrem langweilig. Immerhin gibt es ein Gleis 7, obwohl es nur vier Bahnsteige gibt. Hier ist es gut eine Kamera dabei zu haben. Vor allem wenn man eine halbe Stunde Wartezeit hat.
In Osterode starten wir kurz nach Mittag unsere Wanderung. So richtig wild ist der Weg hier noch nicht. Wie im letzten Jahr geht es über geschotterte Forstwege, aber die Laune ist gut, wir haben unseren Spaß und am ersten Tag sind es ja auch nur 12km bis zu unserem Ziel Buntenbock.
Es fällt auf, dass uns heute nur Frauen entgegen kommen. Das macht erst mal Mut, aber als wir irgendwann mal rekapitulieren, wie viele attraktive Frauen das waren, kommen wir doch ins grübeln warum der Weg wohl Hexenstieg heißt. Immerhin gibt es noch ein paar nette Ausblicke ins Tal.
Die erste Etappe von Osterrode nach Buntenbock weist noch keine Sensationen auf, ist zum Einlaufen aber gerade richtig
Die erste Etappe von Osterrode nach Buntenbock weist noch keine Sensationen auf, ist zum Einlaufen aber gerade richtig
Kurz vor Buntenbock reservieren wir über die Touristeninformation telefonisch ein Zimmer in der Pension „Hildesheimer Haus“. Es ist jetzt nicht mehr weit aber gerade, als ich das Telefonat beendet habe, fängt es plötzlich an zu regnen. Auf dem letzten Kilometer werden wir noch mal pitschnass.
In Buntenbock angekommen, haben wir etwas Schwierigkeiten, unsere Pension zu finden. Eigentlich müsste sie genau hier sein, statt dessen stehen wir vor einem riesigen Holzkasten aus dem neunzehnten Jahrhundert mit dem Namen „Zum Hexenritt“. Wir fragen trotzdem mal nach und das Rätsel löst sich. Das Hildesheimer Haus wurde kurzfristig umbenannt, weil es zur Zeit als Kulisse für einen ARD-Krimi dient, der hier gedreht wird. Leider gehen die Dreharbeiten erst am Montag weiter. Das war’s dann wohl mit unserer Filmkarriere.
Mirjan, unsere Wirtin, passt nicht so recht in unser heutiges Frauenbild. Sie ist Niederländerin, lacht viel und zapft gerne Bier. Hier sind wir richtig. Zusammen mit ihrem Mann Dirk hat sie vor vier Jahren das Hotel übernommen. Es ist noch nicht überall renoviert, aber die Zimmer sind schon gemütlich.
Auf Mirjans Empfehlung hin gehen wir zum Essen in das Gasthaus am Kurpark. Dort informiert uns ein Schild am Eingang, dass heute die DRK-Ortsgruppe tagt. Darunter steht „trotzdem fragen“. Als wir die Gaststube betreten, sind dort grob geschätzt 1500 Jahre versammelt. Alle Tische sind mit alten Damen (also wirklich alt und wirklich Damen) besetzt. Wenn wir hier essen wollen, müssen wir uns  an einen Tisch dazu setzen. Kein Problem, hören wir, wenn es uns nichts ausmacht, einen Vortrag über Patientenverfügungen mit anzuhören. Egal, wir haben Hunger, also setzen wir uns dazu.
Der Vortrag ist gottseidank kurz und der Rest des Abends gestaltet sich recht folkloristisch. Unsere drei Damen sind locker drauf und informieren uns erst mal auf’s genauste über die Buntenböcker, die Lokalpolitik und das Wetter der letzten 15 Jahre (Kann sein, dass auch schon mal das Vorkriegswetter dazwischen war, ich bin mir da nicht sicher).
Zurück im Hotel nehmen wir zusammen mit unseren Wirtsleuten noch einen Absacker an der Bar und weil Mirjan gerne zapft, die Musik gut und die Leute nett sind, werden es gleich ein paar mehr.
Die Pension "Hildesheimer Haus" hat uns gut gefallen. Das lag vor allem an Mirjan und Dirk, die nicht nur sehr gastlich sind, sondern auch noch lustige Einrichtungsideen haben.
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Abend in Buntenbock
Sa, 11.9.10
Buntenbock – Torfhaus
Die heutige Etappe führt uns am Harzer Wasserregal entlang. Mittlerweile ist es Weltkulturerbe, wie wir unterwegs erfahren. Die ganze Anlage beginnt in Buntenbock mit großen aufgestauten Teichen und zieht sich dann Kilometerweit in Form schmaler gemauerter Gräben an den Berghängen entlang. Täler werden dabei mit hohen Dämmen überwunden, auf deren Krone der Graben verläuft. Das ganze ist aufgrund seiner Weitläufigkeit sehr beeindruckend und wird auch heute noch unterhalten. Der Sinn der Sache war die Nutzung der Wasserkraft für den Bergbau. Schon seit Jahrhunderten wird im Harz Erz abgebaut. Dummerweise würden die Bergwerke ohne ständige Entwässerung mit Wasser voll laufen. Diese „Entwässerungsmaschinen“, in der Sprache der Bergleute Wasserkunst, wurden mit Hilfe des über die Gräben herangeführten Wassers betrieben.
Hier haben wir endlich die Wege, die wir uns erhofft hatten. Entweder geht es an den Gräben auf schmalen Pfaden oder über Stock und Stein an steilen Berghängen entlang.
Damit der Kanal nicht überläuft, stürzt das Wasser aus einem Überlauf in einen Bach. Um eine Beschädigung des Dammfußes durch Auswaschungen zu verhindern, ist der Kolk, in den das Wasser stürzt, befestigt.
Das Weltkulturerbe „Harzer Wasserregal“ beeindruckt durch seine Größe. Meistens verlaufen die Gräben mit wenig Gefälle parallel zum Berg. Manchmal geht es aber auch etwas schneller.
Außer Steinen ist Wasser das zentrale Thema im Harz
Zunächst beginnt der Tag jedoch betont langsam. Andreas hat beim Frühstück arg mit den Folgen des gestrigen Abends zu kämpfen. Wir lassen es langsam angehen und kommen erst um 10 Uhr los. Das Laufen fällt leicht, das Wetter wird immer besser, optimale Bedingungen. Kurz vor Mittag fällt Andreas mich allerdings fast vor Hunger an, weil er kaum etwas gefrühstückt hat.
Nach dem Mittagessen geht es weiter an den Gräben des Wasserregals entlang. Zwischenzeitlich sind wir schon zweimal zwei Wanderern begegnet, die ebenfalls in unsere Richtung laufen. Als wir einen kleinen Fotostopp einlegen, holen sie uns zum dritten mal ein. Ganz selbstverständlich docken sie bei uns an und laufen mit uns gemeinsam weiter. So etwas ist  ja oft ganz schön aber diese beiden, die bei den letzten Begnungen kaum ein Wort miteinander geredet haben, texten uns völlig zu. Jeder von ihnen hat sich einen von uns gekrallt und redet ununterbrochen auf ihn ein. Nicht mal Zwischenfragen sind möglich. Beim nächsten halbwegs netten Fotomotiv nehme ich meine Kamera und lasse mir viel Zeit bei der Wahl des Standpunktes. Es gelingt. Den beiden wird die Sache zu langweilig und sie ziehen weiter.
Nach 22km kommen wir in Torfhaus an. Leider ist die einzige Unterkunft hier eine Jugendherberge. Nicht mehr ganz mein Ding, aber so lange keine Schulklassen über die Flure toben ganz in Ordnung.
Abends nehmen wir unser Absackerbier gegen den Willen von Andreas, der nicht mehr laufen will und von mir überrumpelt wurde, im Moor. Da sitzen wir nun mit unserem Bier auf einer Bank im Moor, starren auf die öde Fläche vor uns und warten, dass etwas passiert.
Es passiert nichts.
Kein Moorhuhn, das gackernd den Himmel kreuzt um abgeschossen zu werden, kein Fuchs der seinem Hasen gute Nacht wünscht, gar nichts. Es wird langsam dunkel und derBrocken leuchtet noch im letzten Sonnenlicht, aber sonst: Nichts.
Das einzige, was passiert sind wir. Neben mir steht noch die Kamera auf dem Stativ, mit der ich anfangs 2-3 Fotos geschossen habe.  Jeder, der vorbei kommt, findet das sehr interessant und will erst mal alles mögliche wissen. Es ist sehr kommunikativ hier im Harz.
Das Torfmoor bei Torfhaus
Sonntag, 12.9.10
Torfhaus – Brocken
In Jugendherbergen kommt man immer früh los, das geht gar nicht anders. So sind wir um 9.00 Uhr schon unterwegs. Unser nächstes Hotel auf dem Brocken können wir von hier schon sehen. Auf direktem Weg wären es nur 8km. Wir wählen einen Umweg rund um den Ekerstausee. Auch diesmal ist der Weg sehr schön und abwechslungsreich. Es geht durch Moore und an Gräben und wilden Bächen entlang. Am Ende eines Kletterpfades über Wurzeln und Steine kommt uns eine Familie mit Kinderwagen und einem Hund, der nicht hört, entgegen. Die werden sich wundern.
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Quer durch den Ekerstausee verlief früher die deutsch-deutsche Grenze. Unterhalten wurde die Staumauer von der westdeutschen Seite. Allerdings konnte das letzte Stück nicht betreten werden, da an der Grenze eine Mauer quer über die Dammkrone verlief.
Wanderimpressionen
Der Aufstieg zum Brocken übt in der Kunst des Zen. 500 Höhenmeter sind auf einer schnurgeraden Betonpiste der NVA zu überwinden. Die Füße machen ihre Schritte im immer gleichen Rhythmus fast wie eine Maschine. Die regelmäßigen Betonplatten haben beim Blick auf den Boden schon fast eine hypnotische Wirkung. Meditatives Wandern eben.
Deutschlands längster Feldweg. Die alte Militärstraße entlang der ehemaligen Grenze
Mittagessen am Berg. Wir sitzen auf Felsbrocken und schauen in die weite Ebene der Magdeburger Börde. Schon wieder ist es so, dass nichts passiert. Gestern haben wir uns darüber lustig gemacht aber es ist wirklich so. Es ist, als ob man vor einem Gemälde sitzt. Kein Wind, kein Vogel, es ist, wenn nicht gerade Wanderer vorbei kommen, auch nichts zu hören. Irgendwie surreal.
Unser Hotel ist im Turm auf dem Gipfel direkt neben dem Sendemasten. Elektrosmog wird es hier genug geben, die Frage nach WLAN erntet allerdings erstaunte Blicke. Danach hat hier wohl noch nie jemand gefragt.
Die Dampfeisenbahn bringt jeden Tag Unmengen von Touristen auf den Brocken. Bei jedem Wetter. Doch wenn abends die Massen wieder ins Tal fahren, wird es oben richtig gemütlich
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Kein WLAN!
Die oberste Etage des Brockenhotels ist eine Aussichtsplattform
Montag, 13.9.10
Rückfahrt
Um es mit einem großen deutschen Dichter zu sagen:
Viele Steine
Müde Beine
Saure Weine
Aussicht keine
Heinrich Heine
Morgens liegt der Brocken im Nebel und unten im Tal regnet es. Wir lassen die letzte Etappe, die sowieso nicht sehr lang gewesen wäre, ausfallen und nehmen die Schmalspurdampfbahn. Gerade, als diese losfährt reißt das Wetter auf. Schade, jetzt ist es zu spät zum laufen aber auch die Eisenbahnfahrt ist bei diesem Wetter reizvoll.
Mit einem Zwischenstopp in Wernigerrode geht es viel zu früh nach Hause.
Bis zur Abfahrt liegt der Brocken im dichten Nebel
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Wernigerode hat sich rausgeputzt... und ein schönes Glockenspiel. Schade, dass man Töne nicht fotografieren kann.
Der Harz vermarktet sich ganz gut
Touristisch gut erschlossen
Heimfahrt
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Kategorien Allgemein

10 Kommentare zu „2010 Hexensteig im Harz

  1. Schöner Bericht, dankeschön. Bin selbst schon länger am Grübeln, wie ich mal mit den Halbhohen ein paar Tage dort wandere, und denke mittlerweile, die Wasserregal-Etappe könnte gut sein, Brocken dann lieber mit der Bahn. (Dass sie es immer noch nicht geschafft haben, eine Alternative zu der öden Plattenpiste auszuweisen …)

    Das mit dem Passieren, da hätte ich dich vorwarnen können. Genau dafür fährt man nämlich in den Harz, dass einfach mal ein paar Tage lang gar nichts los ist. DIe wildeste Action, die ich während einiger Touren dort erlebt habe, war, als ich in einer Herbstnacht auf halber Höhe zum Brocken meinen Schlafsack in einer Schutzhütte ausgerollt habe. Da gabs zwar (auch) nichts zu sehen, aber sehr viel Tierisches zu hören.

    1. (Dass sie es immer noch nicht geschafft haben, eine Alternative zu der öden Plattenpiste auszuweisen …)
      Die Plattenpiste hatte auch ihre Vorteile. Es war sozusagen die Wandererautobahn für den schnellstmöglichen Aufstieg. So gerne ich ja über buckligen Waldboden laufe, kann es bei so starken Anstiegen auch ganz schön anstrengend werden. Ein gleichmäßiger Schritt ist da schon angenehm.

      Den Goetheweg von Torfhaus zum Brocken sind wir ja nicht gelaufen, aber dort sollte der Plattenpistenanteil sich doch in Grenzen halten. Ich schätze, den Weg schaffen auch Deine Lütten. Die Eisenbahn ist nicht ganz billig (Hin und zurück 23,-€. Einfach 17,-€). Ich weiß nicht ob die Kinder günstiger sind. Für eine ganze Familie kommt da schnell ein schönes Sümmchen zusammen.

      Das mit dem Passieren, da hätte ich dich vorwarnen können. Genau dafür fährt man nämlich in den Harz, dass einfach mal ein paar Tage lang gar nichts los ist.

      Klar, deswegen waren wir ja auch da. Beeindruckend war es aber schon. Soo still.

      1. Na, so richtige Wander-Mikrotopografie ist der Goetheweg aber auch nicht; grade dass es mit dem Rennrad keinen Spaß macht … Wenn die Zwerge von Wandern reden, dann meinen sie Wurzelpisten, Bachdurchquerungen, Wildnis und Abenteuer 🙂 Kann ich ihnen nicht verdenken, ist mir ja auch am liebsten.

        Stille: Ist schon spannend, wie sehr sich ähnliche Landschaften in ihrem Charakter noch unterscheiden. Am Rothaarsteig fand ich es, auch wenn nicht viel los war, immer irgendwie quirliger, der Harz ist dann doch mehr der duuunkle deutsche Wald …

  2. Hach, du machst mir -vor allem mit den Bildern- so richtig nochmal Appetit auf diesen Weg…..
    Uns war das auch aufgefallen: Das Fehlen von Geräuschen; auch Vögel waren nicht zu hören. Wir waren fast immer allein und haben das sehr genossen.
    Leider sind meine Fotos von der Tour mehr als jämmerlich, weil ich da noch nicht fotografieren konnte–kann ich’s heute?
    Für uns gab’s damals in Torfhaus noch die Alpenhütte zum Übernachten; die ist mittlerweile geschlossen.
    …………….
    Für „Lütte“ gibt’s noch eine schöne Wandertour, geht auch mit Kinderwagen: Einmal rund um den Bodensee!

  3. Wow! Ähnliche Naturfotos habe ich vor 25 Jahren in einem Moor „geschossen“. Allerdings noch analog… Glückwunsch zu den „Wasserfotos“! Sehr gut gelungen, vom Aufbau bis zur Umsetzung. Das „Gleis“ würde mir sehr gut für mein Zweitblog gefallen (www.gleiseins.wordpress.com)…

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