In die Wälder

GPS-Tracks, Karte und  Höhenprofil: Eisenach – Karlovy Vary – Dresden

Christians Fotos

1 Woche vorher

Das nasse Frühjahr fordert seinen Tribut. 11 Jahre nach der letzten großen Flut, steht im Juni 2013 Süd- und Ostdeutschland wieder unter Wasser. Für unsere Tour ist alles vorbereitet. Bahntickets wurden mit vielen Schwierigkeiten bestellt und die Route wurde ausgetüftelt. Sie führt durch den Thüringer Wald nach Tschechien und dann übers Erzgebirge. Laut Presse sind das fast ausnahmslos Gebiete mit Hochwasseralarm. Christian denkt darüber nach, statt nach Dresden in Richtung Norden zu fahren. Da der Rennsteig und das Erzgebirge aber hoch sind, beschließen wir, den Plan nicht zu ändern. Bis wir in Dresden sind, haben die da hoffentlich alles wieder aufgeräumt.

////\ Kette links ////\

Die Bahn macht es uns nicht einfach. Mit zwei Stunden Verspätung geht es los, weil Christians Zug auf freier Strecke rumgehangen hat, aber jetzt kämpfen wir uns die Bundesstraße hoch zum Rennsteig. Bei der Streckenplanung habe ich mich möglichst an Christians Vorgaben gehalten. Gut, nicht ganz, weil Christian am liebsten gar nicht plant, sondern ins Blaue fährt. Soweit mochte ich dann doch nicht gehen. Möglichst viele unbefestigte Wege aber kann ich ihm schon bieten. Für mich ist das schon Abenteuer genug und ein wenig fürchte ich, dass mein Alu-Trekking-Renner mit Felgenbremsen für die Strecke nicht so gut geeignet ist. Nicht zu unrecht: Am Ende der Tour werde ich zwei neue Reifendecken, zwei neue Schläuche, neue Pedalen, einen Satz Bremsklötze verbaut und ein Kettenschutzblech in die Tonne gehauen haben.

Wir biegen auf den Rennsteig ein. Auch hier gibt es heute nur eine Richtung: Rauf, rauf, rauf. Die Kette bleibt heute den ganzen Tag links. Bergauf sowieso und bergab auch, weil man auf der Schotterpiste ständig bremsen muss. Unser Ziel ist ein Campingplatz in Finsterbusch, doch weil Christian diesen Teil der Strecke vor 20 Jahren schon mal gefahren ist und nostalgische Gefühle hegt, machen wir noch einen Abstecher über den großen Inselsberg. Der Radweg verläuft hier eigentlich unterhalb des Berges und das aus Gründen. Schon bald können wir unserer Räder nur noch über Wurzeln und Steine den extrem steilen Anstieg hinauf schieben. Belohnt werden wir mit einer grandiosen Aussicht und der Erkenntnis, dass mein Rad auch für die anschließende Abfahrt nicht so gut geeignet ist. Der Weg ist so steil, dass ich die gesamte Abfahrt in den Bremsen hänge und mir die Felgen heiß bremse. Direkt vor einer Pension fliegt mir dann mit einem lauten Knall mein Vorderreifen um die Ohren. 12 Kilometer vor unserem Tagesziel ist hier die Fahrt zu Ende.

In jedem Schlechtem liegt auch etwas Gutes. Die Wirtin hat den Knall gehört und legt sich sofort richtig ins Zeug, um uns am Samstagabend noch einen Reifen zu besorgen. Sie mobilisiert das komplette Dorf. Einer kommt vorbei, kann zwar auch nicht helfen, weiß aber auch noch ein paar Leute, die man anrufen könnte. Am Ende kommt ein Radhändler aus dem Nachbardorf und bringt mir den Reifen persönlich vorbei. Währenddessen wird es an unserem Tisch richtig familiär. Dort sitzen Alex und ihr französischer Freund Michel. Mein Französisch ist leider noch nicht konversationstauglich. Christian hat es besser drauf, aber Michel muss trotzdem viel Geduld beweisen. So wird es fröhlicher deutsch-französischer Sprachmix. Alex ist mit Michel schon so lange zusammen, dass sie mittlerweile Deutsch mit französischem Satzbau spricht. Die beiden sind ein sympathisches Paar, mit dem sich der Abend sehr kurzweilig gestaltet.

/\/\/ Schotterpisten und Geisterstädte /\/\/

Wer hätte gedacht, dass ich mich mal danach sehne, bergauf zu fahren und es hasse, wenn es bergab geht. Hier auf den steilen Schotterpisten ist das so, weil Bremsen seit gestern immer etwas Angst auslöst.

Obwohl ich heute morgen erst noch meinen Reifen umbauen musste sind wir früh aufgebrochen und nun geht es in Schleichfahrt über Schotter und loses Geröll. Eigentlich ist es wie Wandern, nur im Sitzen. Wir sehen stundenlang kaum Menschen und Autos.

In Oberhof soll es für uns Pizza geben. Wir haben die Speisekarte kaum in der Hand, da bricht ein Gewitter los, dass uns die nächsten anderthalb Stunden hier festtackert. Wir beglückwünschen uns zu unserem Timing und lassen es uns schmecken. Später erzählt uns ein Wanderer, den es auf freier Strecke erwischt hat, dass er sich die Schuhe mit Klebeband abgedichtet hat, damit ihm das Wasser nicht von oben hineinlief.

Der Rest der Rennsteigroute geht über die Straße. Das ist erfreulich, erspart es uns nach dem Regen doch die Schlammpackung und lässt uns bergab gelegentlich mal den Fahrtwind spüren.
Ein holländisches Paar überholt uns. Wenn jemand hier mit normalen Klamotten einfach so Rad fährt, ohne bunte Papageienkleidung, dann müssen es Holländer sein. Die beiden sind recht flott unterwegs und über die nächsten Kilometer geben wir uns ein regelrechtes Rennen. Abwechselnd fährt jeder mal vorne und fast ist es schon ein wenig schade, als sich unsere Wege trennen.

Die wenigen Orte werden jetzt immer gruseliger. Während in Oberhof der Skizirkus einfach mit Sommerskiern weiter geht, scheint Neustadt so langsam auszusterben. Ganze Straßenzüge stehen leer und vergammeln. Mittendrin ein Friseurladen mit dem Charme vergangener Zeiten. Keine albernen Namenswortspiele; das alte Schild aus DDR-Zeiten muss reichen. Die Schaufensterdekoration wurde nach der Wende mal durch eine Dose Wella-Haarspray ergänzt und so gilbt das ganze Ensemble vor sich hin.

In unserem heutigen Zielort Großbreitenbach lassen wir den Campingplatz links liegen. Immer noch ist alles nass und es ist weiterer Regen angesagt. Der Ort scheint ein echtes touristisches Highlight zu sein. Es gibt eine Konsumfleischerei, ein paar kleine Läden, eine Dönerbude und das erste deutsche Kloßpressenmuseum. Ich hätte gern darüber berichtet, aber leider waren die Öffnungszeiten von 13 bis 16 Uhr etwas knapp für uns.

Was es nicht gibt, ist eine Pension, um die ganzen zu erwartenden Touristenmassen aufzunehmen. So fahren wir noch 18 Kilometer weiter bis nach Neuhaus. Ist ja kein Problem und wenn wir Glück haben bleibt die heutige Kilometerzahl sogar noch gerade so zweistellig. Bis kurz vor Neuhaus ist auch alles gut, es gibt sogar noch eine rasante Abfahrt bis Katzbach, doch die letzten 5 Kilometer kommt es noch einmal richtig dicke. So einen Anstieg am Ende eines langen Tages, das ist hart. Nach zwei Stunden Fahrt für 18 Kilometer reicht die Energie gerade noch für ein Abendessen und dann ist der Abend gelaufen.

,,,,, Regenpause ,,,,,

Morgens regnet es und wir beschließen, heute nicht zu fahren. Dafür bewegen wir uns zu Fuß durch Neuhaus. Der Nebel verdeckt die ein oder andere Scheußlichkeit und so ist der Ort nach den gestrigen Geisterstädten sogar ganz nett. Erstaunlich ist das riesige Schul- und Sportzentrum. Wie weit muss man die Schulkinder fahren, um so eine riesige Grundschule zu füllen.

So ein Regentag ist auch nützlich um das Rad mal auf Vordermann zu bringen. Fahrten mit Christian sind offensichtlich das Härteste, was ich meinem Rad je zugemutet habe. Schon beim letzten Mal verabschiedete sich meine Sattelstütze und auch hier gibt jedes Teil, das schon kurz vor der Verschleißgrenze war, endgültig seinen Geist auf.

/\/\/ Der perfekte Morgen /\/\/

Wir können den verlorenen Tag wieder hereinfahren. Allerdings müssen wir dafür früh los kommen. So lassen wir das Hotelfrühstück um 8 sausen und stehen statt dessen um 6 Uhr in der benachbarten Bäckerei auf der Matte.

Es ist 7 Uhr, als wir das erste mal in den Wald kommen und es ist magisch: Die Sonne lässt überall, wo sie auf den nassen Boden fällt, die Erde dampfen und zieht leuchtende Strahlen durch das Blätterdach. Ganz still radeln wir durch diesen lichtdurchfluteten Wald und geniessen die Atmosphäre.

Der bayrische Teil des Rennsteigs verlässt den Wald und verläuft neben der Staatsstraße. Der Nachteil: Er verläuft neben der Staatsstraße. Der Vorteil: Er ist spiegelglatt asphaltiert und endlich können wir mal etwas Gas geben. Doch schon bald erreichen wir wieder den Wald und nach einer kurzen Fahrt über die Betonplattenstraße der ehemaligen DDR-Grenzanlage sind wir wieder in Thüringen.

Für unser eigentlich geplantes Ziel, einen Zeltplatz am Pirksee, sind wir noch zu früh dran. Er gefällt uns sowieso nicht, zwischen den Standcampern so direkt an der Autobahn, also fahren wir weiter nach Oelsnitz. Bis jetzt war das ganze Zeltgeraffel nur zusätzlicher Ballast, um die Bergetappen nicht zu leicht zu machen. Soll ja kein Kindergeburtstag werden.

Auch Oelsnitz ist teilweise eine Geisterstadt. Verfallene Häuser empfangen uns. Immerhin wurde im Zentrum etwas Geld in die Hand genommen und der Marktplatz nett hergerichtet, aber dann wurden die Cafés vergessen. Es gibt ein paar vereinzelte Schirme, aber dort sitzt niemand, und so ist der Marktplatz eine öde, graue Pflasterwüste. Wir fahren auf die Burg und machen bei einem Picknick hoch über der Stadt ein Hotel im nächsten Ort klar. Eine weise Entscheidung. Schöneck ist deutlich hübscher und nach 116 Kilometern haben wir uns das Essen und das selbstgebraute Bier verdient.

//\\\ Drei Welten //\\\

Nicht ganz so früh wie gestern machen wir uns heute auf den Weg. Schließlich ist die heutige Etappe nur halb so lang. Nach einer kurzen Abfahrt über einen halb zugewachsenen Waldweg, erreichen wir Klingenthal von hinten. Wir stehen mitten in einer Plattenbausiedlung und müssen uns erst mal orientieren. Einen älteren Herrn fragen wir nach dem Weg.

“Entschuldigung, wo gibt es denn hier einen Lebensmittelladen?”

“Oh je,oh je, die Kaufhalle hammse uns dicht gemacht. Hier gibt es nischt mehr. Wenn’we Einkaufen wollen, müssen’we jetzt immer inne Stadt.”

“Wir sind doch in der Stadt. Das ist doch Klingenthal, oder?”

“Ja, aber zum Einkaufen gibt’s hier nischt mehr. Da müssen’se inne Stadt.”

Mir kommen langsam Zweifel, ob ich die Größe der Stadt auf der Karte richtig eingeschätzt habe.

“In welche Stadt denn jetzt? Nach Oelsnitz?”

“Nee, nach unten inne Stadt.”

Langsam dämmert mir, dass sich das Ausmaß dieser kommunalen Katastrophe nur auf die eine Kaufhalle in der Plattenbausiedlung bezieht. Ein paar Straßen weiter unten gibt es schon noch einen EDEKA. Die Wegbeschreibung gerät allerdings etwas umständlich und so fragen wir zwei Straßen weiter noch einmal nach dem Lebensmittelladen.

“Ein Lebensmittelladen? Nee, die Kaufhalle haben sie dicht gemacht. Hier gibt es nichts mehr.”

“Ja, aber gibt’s nicht hier noch einen Edeka?”

“Doch, aber der ist in der Stadt.”

Es scheint wohl so eine Art Kollektivtrauma zu sein. Wir lassen uns den Berg hinunterrollen und biegen links ab. Weit kann es jetzt nicht mehr sein. Klingenthal ist ja nicht groß. Vorsichtshalber frage ich noch mal.

“Geht es hier zur Stadt?”

“Jau!”

Man muss ja nicht alte Wunden aufreißen.

Hinter dem Ortsschild von Klingenthal beginnt Tschechien. Hier kann man alles kaufen, was das Herz des Shoppingtouristen begehrt: Zigaretten, Alkohol, Benzin, Sex, Gartenzwerge, Textilien, Schuhe, Kunststoffrehe, Taschen, einfach alles. Nach Krasnice lassen wir den ganzen Rummel hinter uns und biegen wieder ab in die Berge. Schmale Straßen, Berge, Wald, Wiesen, ab und an ein Haus und dann plötzlich Rovarta. Inmitten von Wäldern und Wiesen reiht sich plötzlich Plattenbau an Plattenbau. Ein Gebiet wie Berlin-Marzahn, nur rundherum nichts als Wälder. Skurril!

Wir fahren weiter in Richtung Karlovy Vary (Karlsbad). Die Straßen werden immer schlechter und irgendwann geht es wieder auf sandigen Waldwegen weiter. Wir rumpeln einen Weg entlang, der immer steiniger, steiler und waghalsiger wird. Gerade als als ich absteige um weiter bergab zu schieben, stelle ich fest, dass wir uns gar nicht mehr auf unserer Route befinden. Wir schieben 200-300 Meter zurück, nur um festzustellen, dass der richtige Weg noch schlechter ist. Zu Fuß nehmen wir den steilen Pfad in Angriff. Nach kurzer Zeit wird der Pfad zum Geröllpfad, so wie ein ausgewaschenes Bachbett. Christian jubelt und ich mache mir Sorgen.  Christians Erfahrung ist, dass Wege die oben beginnen auch unten ankommen, während das anders herum nicht unbedingt der Fall sein muss. Ich versuche es zu glauben und nicht an umgestürzte Bäume und verfallene Brücken zu denken.

Immerhin, Christian behält recht und wir kommen heile unten an. Als wir den Wald verlassen, stehen wir vor einer Mondlandschaft. Vor uns tut sich ein riesiger Tagebau auf und von rechts verpestet eine Kokerei die Luft.

Bis Karlsbad geht es auf gut ausgebauten Straßen weiter. Glatter Asphalt und leicht bergab: So lassen wir diese Wüste schnell hinter uns.

Fährt man nach Karlsbad, sieht man auch hier immer wieder verfallene Häuser. Um so krasser ist der Gegensatz, wenn man ins Zentrum kommt. Schon der Teil, in dem sich das tägliche Leben abspielt, ist ganz ansehnlich. Fußgängerzone, der übliche Ladenmix, McDonalds, Restaurants, Kneipen, Eisdielen. So wie überall halt, aber recht hübsch und mit erträglichen Preisen. Im Kurviertel weiß man dann vor lauter Prunk und Protz nicht , wo man hinschauen soll. Hier gibt es aufwändige Fassaden, Luxusgeschafte und teure Hotels.

In den Kolonaden laufen die Leute mit merkwürdig geformten Bechern herum und trinken Wasser aus Brunnen. Ich bin neugierig, halte meine Hand unter den Brunnen und… verbrühe mir fast die Hand. Hätte ich vorher die Schilder gelesen, hätte ich gewusst, dass die Quelle 95° heiß ist. Gesund muss die Brühe sein, so wie sie schmeckt. Wir brauchen mehr Pivo zum Nachspülen.

_///\ Die Rückseite des Erzgebirges _///\

Unsere Wirtin hätte es gerne gesehen, wenn wir uns noch ein paar Porzellanfabriken angeschaut hätten, aber wir müssen weiter. Nach einer kleinen Stärkung in Ostrov schlagen wir uns wieder in die Wälder. Die nächsten 800 Höhenmeter ackern wir uns über Schotterwege bergan. Ein schönes Gefühl mit unserem ganzen Gepäck eine Gruppe Mountainbiker hinter uns zu lassen. Nehmt halt doch besser den Lift für die Bergfahrt.

Bei 1200 Metern ist Schluss. Von hier aus stürzen wir uns auf einer Skipiste zu Tal um von Oberwiesenthal gemächlich bis Königswalde bergab zu rollen. Hier können wir endlich mal zelten. Alles stimmt, nicht nur das Wetter, sondern auch der Platz. Nur Christian wirkt etwas unausgelastet, weil er gerne noch etwas weiter gefahren wäre. Für ihn kam das Ende etwas überraschend, weil ich die Tourplanung am Lenker habe. So hat er das Gefühl ins Blaue zu fahren und ich das gute Gefühl, alles im Griff zu haben. Dumm nur, wenn die Fahrt ins Blaue ohne Vorwarnung so abrupt endet.

///\\ Ein abgebrochener Endspurt ///\\

Unser Gastgeber ist ein cooler Typ: Rennradfahrer, Bildhauer und Campingplatzbesitzer.

Damals ist er Rennen gefahren, hat die Dresdner Frauenkirche mit restauriert und Designpreise gewonnen, heute kümmert er sich mit der Sense um seinen Platz und mit viel Humor um seine Gäste. Dass er dabei auch an eine Küche und einen Aufenthaltsraum für die Gäste gedacht hat, rechnen wir ihm hoch an, auch wenn wir den nur genutzt haben um die Bänke daraus auf die Wiese in die Sonne zu stellen.

Blöd ist nur, dass es ausgerechnet heute Nacht geregnet hat und die Zelte nass sind.

Bevor wir sie abbauen, fahren wir erst mal nach Annaberg zum Frühstücken und Einkaufen und bis wir losfahren können ist es 11:20 Uhr. Eigentlich hatten wir heute einen Endspurt von 90 Kilometern bis nach Dresden geplant, aber dafür ist es jetzt wohl schon zu spät. Um uns die Schlammpackung zu ersparen und schneller voranzukommen, fahren wir heute hauptsächlich auf richtigen Straßen, was aber zeitmäßig nicht viel bringt.

Autofahrer aus dem Erzgebirgskreis sind die schlechtesten der Welt. Also wahrscheinlich nicht alle, aber fast alle, die wir kennen. Für das Gaspedal gibt es nur zwei Stellungen, nämlich “Gas an” oder “Gas aus”. “Gas aus” benutzt man zu Hause in der Garage oder im städtischen Busdepot. Sieht ein Autofahrer mit dem Kennzeichen ERZ einen Radfahrer, fühlt er sich automatisch von diesem ungewohnten Bild überfordert. “Gas aus” geht ja nicht, weil sich der Wagen nicht in der Garage befindet, also wird mit “Gas an” versucht, irgendwie an dem Radfahrer vorbeizukommen. Auch vor Kuppen, Kurven oder bei Gegenverkehr.

Lebend erreichen wir einen Landstrich, in dem FG das ERZ verdrängt. Die Freiberger stellen die Ehre der Sachsen wieder her und beweisen, dass es auch anders geht.  Das macht sie uns sympathisch und wir beschließen hier Schluss zu machen. Die letzten 30 Kilometer bis Dresden sparen wir uns für morgen auf.

Freiberg ist eine Überraschung. Oder wie Christian es formuliert, “die hübscheste Stadt, von der ich noch nie gehört habe”. Nach einem ausgedehnten Stadtbummel enden wir am Ende in der Stadtwirtschaft, wo wir noch einmal tschechisches Bier und Essen zu deutschen Preisen bekommen. Man kann nicht überall hingehen und muss sich entscheiden. Gerne wären wir auch in das Restaurant “Himmel und Hölle” gegangen. Die werben damit, “Slow food” zu unterstützen und bieten auf einer Tafel daneben ein Quick Lunch an.

/\\\\ Christian sammelt Karmapunkte /\\\\

Früh um 8 drehen wir noch eine Runde durch das verschlafene Freiburg, dann müssen wir los nach Dresden. Unser Zug fährt von dort um 17.04, das sollte genug Zeit lassen, um vorher Essen zu gehen und uns etwas in Dresden umzuschauen. Wir sind gerade 3-4 Kilometer gefahren, da hält uns ein Mann an. Sein gestern neu erworbenes Rad („Ein echtes Schnäppchen. Kostet normalerweise fast 300 Euro“) hat einen Platten und ob wir ihm helfen könnten. Können wir natürlich, bzw. wir versuchen es. Es braucht zwei Flicken, bis wir alle Löcher gefunden haben (Schlangenbiss. Der Gute hätte sein Rad vielleicht mal aufpumpen sollen) und als wir alles zusammenbauen, reißt das Ventil ab. Jetzt hilft auch kein Flicken mehr und zeitlich wird es langsam eng. Der Typ ist Schiedsrichter und irgendwo warten bald zwei B-Jugendmannschaften auf den Anpfiff. Christian wirft sein Gepäck ab und fährt zurück nach Freiberg um einen Schlauch zu kaufen. Mittlerweile ist der Morgen schon gut fortgeschritten, als wir endlich weiter fahren.

Bei milden Temperaturen und Sonnenschein geht es nun durch Wälder und über Nebenstraßen Richtung Dresden. Wir können es angenehm ausrollen lassen. Dann kurz vor dem Dresdener Ortsschild gibt mein zweiter Reifen mit einem leisen Zischen den Geist auf. Wieder ist der Mantel ganz unten in der Felge, wo man nichts sieht, abgerissen. Vermutlich sind die Seitenwände zu schwach. Es wird jedenfalls wohl der letze Michelin-Reifen auf meinem Rad gewesen sein.

Christian kennt das Prozedere ja schon und macht sich auf den Weg nach Dresden um einen neuen Reifen zu kaufen. Der Arme Kerl hat heute nochmal 15 Kilometer mehr auf dem Tacho.

Mittlerweile reicht die Zeit nur noch für ein letztes Essen, dann machen wir uns auf den Weg gen Heimat.

Nur keine Missverständnisse aufkommen lassen

Christian wurde schon gefragt, warum er so ein Sklaventreiber sei und einige Leser äußersten die Meinung, dass so eine Tour komplett verrückt wäre. Mag sein, dass ich manche Dinge im Bericht etwas dramatisch dargestellt habe. Der Leser soll ja auch seinen Spaß haben.

Wir hatten jedenfalls auch unseren Spaß. Ein klein wenig sportlich sollte es schon sein, das wollten wir so und was mir besonders gut gefallen hat, waren die Waldwege. Damit wurden die Vorteile des Wanderns und des Radfahrens aufs wunderbarste kombiniert und ich frage mich langsam, warum ich das nicht schon immer so gemacht habe. Mein Dank daher an Christian, der ein hervorragender Reisebegleiter ist, und mich gelegentlich zu einem gelungenen Abstecher noch tiefer in die Wälder überredet hat.

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10 Kommentare zu „In die Wälder

  1. Hach, da kommt man doch gleich noch mal ins Schwitzen 🙂 Es ist mit dem Schreiben aber auch wie mit dem Fotografieren – manches nehmen wir ganz ähnlich wahr, und manchmal setzen wir völlig andere Prioritäten. Ich hätte es zum Beispiel niemals über mich gebracht, die beeindruckend antikölsche Gerstensaftportionierung unserer gastlichen Dresdner Wirtschaft unerwähnt zu lassen … Und den mutmaßlichen Biberbau und das Holländerhaschmich zwischen Oberhof und dem Rennsteigbahnhof undundund. Aber schön wars, und sei wagemutigen Waden zur Nachahmung unbedingt empfohlen 🙂

    1. Ja, die Anderthalbliterbierkrüge waren schon beeindruckend und das Wettrennen mit den beiden Holländern hat es nur ganz knapp nicht geschafft in den Bericht zu kommen. Aber es ist wie mit dem Fotografieren. Man muss sich auch von inneren Bildern trennen können. Schließlich soll der Bericht ja auch gelesen werden.

    1. Das war wirklich nur Durchreise. Ein „richtiger“ Besuch deiner schönen Stadt ist meinerseits lose ins Auge gefasst, und dann melde ich mich auch rechtzeitig.

  2. Bonjour Peter,
    Tu as de supers photos, comme quoi c’est vraiment beau l’Allemagne…! Du muss jetzt zu Frankfurt fahren, es ist auch sehr schön hier!^^
    VG
    Laure

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