Rheinsteig 2014

Stressresistenz ist praktisch aber keine zwingende Eigenschaft um ein Hotel zu führen. Das zeigt sich sofort bei der ersten Übernachtung unserer diesjährigen Wandertour. Von Rengsdorf geht es in nördliche Richtung bis Unkel über den Rheinsteig. Am Mittwoch fahren wir nach Feierabend los und kommen gegen 20.30 Uhr in Rengsdorf an. Kein Problem, dachte ich, laut Internetbuchung sollte schließlich eine Anreise bis 21.00 Uhr möglich sein. Doch nun hören wir erst mal Vorwürfe, warum wir so spät kommen. Die Wirtin hat wohl gar nicht mehr mit uns gerechnet und wirkt ein wenig überfordert.

Von Hunden, Fledermäuse und Menschen, die man sich besser schöntrinkt.

Morgens schafft Andreas die Wirtin dann schon vor dem Frühstück. Die Frage nach dem WLAN-Zugang, während sie gerade Eier kocht, kann schon mal Stress auslösen. Nun hat die Wirtin sich die Finger verbrannt, ein Ei ist geplatzt und Andreas hat sich schon wieder einen Anranzer eingefangen, dass er aber jetzt gefälligst das geplatzte Ei nehmen solle. Was nicht funktioniert, ist das WLAN.Die Wirtin scheint ziemlich erleichtert, als wir endlich abreisen und wird zum Schluss sogar noch freundlich. Auch der Himmel freut sich, dass es los geht und pünktlich zum Abmarsch kommt die Sonne heraus.

Es ist der 1. Mai, doch die Natur sieht schon aus wie im Juni, die Vögel zwitschern und bei angenehmen Temperaturen ist Gute-Laune-Wandern angesagt. Bis Altwied, wo jemand eine Schleuse geöffnet haben muss. Plötzlich sind überall Mai-Ausflügler mit Bier und Sekt unterwegs und fast immer mit Hunden. Besonders Möpse scheinen wieder sehr in Mode zu kommen. Als uns wieder mal eine Gruppe entgegenkommt, stoppt Andreas plötzlich abrupt. Ich laufe fast auf, kann aber gerade noch ausweichen – und mit einem Sprung gerade noch verhindern, dass ich auf einen Mops trete. Für kleine Hunde ist der Wald recht gefährlich.

Rund um Segendorf hat sich der „Verschönerungsverein“ verewigt und Bänke aufgestellt. Wir rätseln ein wenig über den Zweck des Vereins, weil es an der Landschaft eigentlich wenig zu verschönern gibt. Bis wir am Vereinsheim vorbeikommen, wo gerade eine Maifeier beginnt, und einige der Gäste uns vermuten lassen, dass es dem Verein gar nicht um die Verschönerung der Landschaft geht.

Die Mittagspause verbringen wie an einem kleinen Teich im Wald. Bei Wanderwein und Käse beobachten wir eine Fledermaus, die sich über dem Teich ebenfalls gerade ihr Mittagessen fängt. So nah und am hellen Tag konnte ich diese Tiere bisher noch nie beobachten. Nach der Mittagspause zeigen sich bei einigen Ausflüglern langsam die Folgen des Tages. Die Frauen vorneweg und die Männer Hand in Hand singend und lallend hinterher. Vielleicht waren die acht Bier in der prallen Sonne doch keine so gute Idee.

Abends kommen wir in Leutesdorf kommen wir im Rheinecker Hof unter. Eine gute Wahl: Die Zimmer sind fast schon kleine Wohnungen mit einem Balkon zum Rhein und auch das Essen ist gut. Geschenkt, dass der Wirt eine Riesenreklame macht, dass man von der Terrasse aus den Kaltwassergeysir auf der anderen Rheinseite sehen kann. Das Schauspiel ist wenig beeindruckend: Ein Schiff legt an, ein Haufen Leute schleppt sich langsam an Land, irgendjemand dreht einen Hahn auf und die Wassersäule erhebt sich knapp über die Baumwipfel, die die Sicht verdecken. Danach schleppen sich die Besucher wieder auf das Schiff, welches sie wieder zurück nach Andernach bringt. Im Gegensatz zu heute Morgen ist das Personal hier deutlich entspannter. Im vollbesetzten Schankraum frage ich die Bedienung, wann wir morgen Frühstück bekommen können. „Moment, ich hol mal eben den Koch. Am besten fragen Sie ihn, ob Sie das Frühstück um 6.00 Uhr bekommen können. Dann rastet er aus.“ Der Koch kommt, ich frage und während der Koch wie versprochen in seinem rheinischen Singsang ausrastet („Äch kann ähne dat Fröhstöck auch sofott mache“), kringeln sich die Gäste im Schankraum vor Lachen. In diesem Moment kommt Andreas. Stolz verkünde ich ihm, dass wir morgen schon um 6.00 Uhr Frühstück bekommen und während er ganz langsam ausrastet, werde ich bei den Schankraumgästen gerade der Held des Abends. Wir einigen uns dann auf 8.00 Uhr und hoffen, dass der Koch uns bis dahin verziehen hat.

Tagesverbrauch: 2 Gläser Wanderwein, Käse, 2 Baguettebrötchen, 2 Äpfel und 1 Kanne Tee auf 21 Kilometern

 

Waagrecht ist keine Option

Der Tag fing für einen Menschen, dessen Namen ich hier nicht verraten darf, schon etwas merkwürdig damit an, dass er plötzlich Fußbalsam statt Zahnpasta auf seiner Zahnbürste hatte. Immerhin gibt es heute ein gutes Frühstück.

Laut Koch soll die heutige Etappe die schönste überhaupt sein. Ich lass mich überraschen. Auf der Internetseite zum Rheinsteig wird diese Etappe mit den Worten „Der Weg ist das Ziel“ und „Der Rheinsteig entfernt sich nie mehr als drei Kilometer vom Rhein“ beworben. Ich übersetze das mit „Auf diesem Streckenabschnitt gibt es keine besonderen Sehenswürdigkeiten“ und „Der Rheinsteig befindet sich immer in Hörweite der Bundesstraße und der Bahnlinie mit den vielen Güterzügen“. Ganz so schlimm kommt es dann aber doch nicht. Manchmal verläuft der Berg auch auf der rheinabgewandten Seite der Berge und ab und an gibt es trotz des nebeligen Wetters mal einen schönen Ausblick. Dafür haben die Planer der Strecke penibel darauf geachtet, möglichst wenig waagrechte Streckenabschnitte vorkommen zu lassen. Der Weg geht praktisch im Zickzack immer den Hang hinauf und hinunter. Immerhin weht ein kühler Nordwind, was zwar die Pausen verkürzt aber für diese Kletterei die ideale Temperatur schafft. Erst kurz vor unserem Ziel Bad Hönningen kommt die Sonne heraus. Gerade in dem Moment, als wir an einem Biergarten vorbeikommen. Wir wissen dieses Zeichen zu deuten.

In Bad Hönningen stehen an vielen Häusern geschmückte Birken-Maibäume mit einem roten Herz, auf dem der Name des Mädchens in diesem Haus steht. Wir haben heute als Unterkunft gleich ein ganzes Einfamilienhaus für uns, vor dessen Nachbarhaus auch so ein Maibaum für eine Julia steht. Der ganze Stolz unserer Wirtin ist die ruhige Lage des Hauses, womit sie bei ihren Gästen immer wirbt. Den gestrigen Gästen war die Ruhe offensichtlich auch sehr wichtig und ausgerechnet dann wurde nachts um zwei mit viel Alkohol und Gejohle der Maibaum für die Julia aufgestellt. An Schlaf war nicht mehr zu denken zumal anschließend früh morgens die Blaskapelle zum Maiwecken durch den Ort zog. Die Gäste hatten sich anschließend so beschwerte, dass unsere Wirtin jetzt noch ganz aus der Fassung gerät, als sie uns davon erzählt. Wir stimmen ihr zu, dass sie ja eigentlich gar nichts dazu kann und sind insgeheim froh, dass wir erst einen Tag später hier sind. Heute hören wir nur das leise Rauschen der Bundesstraße und das Rattern der Güterzüge in der Ferne.

Verbrauch: Ein Rest Wanderwein, Wasser, Käse, 2 Äpfel, 2 Butterbrote und 2 Pils auf 19 Kilometern

Weihnachten wird vorverlegt und es gibt ein Feuerwerk

Heute haben wir mit einem kühlem Nordwind, blauem Himmel und Sonnenschein ideales Wanderwetter. Umso merkwürdiger kommt es uns vor, dass man in Leubsdorf offensichtlich Weihnachten vorverlegt. Nicht nur, dass sich an einer Hauswand noch einer dieser hübschen, die Wand hochkletternden Weihnachtsmänner findet; um das Dorfwegekreuz herum wurden auch noch Tannenbäume aufgestellt. Auch am Ende unserer heutigen Etappe in Linz gibt es einen ganzjährigen Weihnachtsmarkt. Irgendetwas stimmt mit dieser Gegend nicht.

Über Leubsdorf gibt es eine schöne sonnige Bank, wo wir erst mal den Blick über das Dorf und die Wiesen auf uns wirken lassen. Das ist am Rheinsteig nicht immer so idyllisch. Man muss schon sehr viel ausblenden können, um den Blick auf Industrieanlagen, Fernstraßen, Eisenbahngleise und zersiedelte Landschaft zu genießen. In Ariendorf war man sich dann wohl auch nicht so sicher, ob man den Wanderern diesen Anblick nicht besser ersparen sollte und hat die Sicht vom Aussichtspunkt mit einem hohen Lattenzaun verbarrikadiert. Hinter Leubsdorf wird es aber besser. Die Industrie wird weniger, das Rheintal breiter und damit der Verkehrslärm leiser.

Ziemlich früh sind wir in Linz. Das ist heute günstig, weil unser Zimmer eine große Dachterrasse hat, wo wir mit Blick über Linz und auf den Rhein in der Sonne sitzen, bis wir am späten Nachmittag hinunter in die Stadt gehen. Hier findet heute „Rhein in Flammen“ statt und so verkürzen wir die Besichtigung der malerischen Altstadt etwas um uns ans Rheinufer zu setzen. Das eigentliche Highlight des Abends verpassen die meisten Linzer. Das ist nämlich nicht das Feuerwerk. Viel schöner ist es, mit einem Kölsch am Ufer in der warmen Sonne zu sitzen, während eine recht gute Band vor wenig Publikum chillige Soul- und Rockklassiker spielt und eine ganze Armada von Passagierschiffen an uns vorbei zieht, um sich oberhalb von Linz für die abendliche Feuerwerksfahrt zu formieren. Die nachfolgende Band, das offizielle musikalische Glanzlicht des Abends, spielt dann später leider nur noch Schlager, die bei uns gerade mal noch zu Karneval durchgehen.

Ein Mann, nur mit einer Hose bekleidet, barfuß und mit nacktem Oberkörper, wilder Bart und behaarter Rücken, steigt mit einem Hamburger die Treppe zum Wasser hinunter um dort zu essen. Dazu beugt er sich tief über seinen Hamburger und verschlingt ihn wie ein Hund, während sein Bein dabei merkwürdig zuckt. Alle seine Bewegungen erinnern mehr an ein fressendes Tier als einen Menschen. Auf der in der Nähe liegenden Fähre werden schon die ersten Handy und Kameras gezückt und das Paar, das am oberen Ende Treppe sitzt, kann sich offenbar nicht zwischen Lachen und Ekeln entscheiden. Nachdem er den Hamburger gegessen hat, holt er ein Stofftaschentuch heraus, wäscht sich das Gesicht mit Rheinwasser und geht die Treppe wieder hinauf. Dort wird er von dem Paar angesprochen, ob es geschmeckt hat. Er antwortet, dass man Hamburger nur auf diese Weise essen kann, holt sich noch ein Eis und geht ganz normal davon.

Als es dunkel wird, beginnt das eigentliche Event des Abends. Die Schiffe sind mittlerweile alle mit Lichterketten beleuchtet und setzen sich zu ihrer Fahrt nach Bonn in Bewegung. Begleitet werden sie an der ganzen Strecke von Feuerwerken am Ufer. Will man das Spektakel vom Ufer aus sehen, gibt es aber bessere Orte als Linz, zumal heute auch noch die Fähre die Sicht versperrt, die bei Beginn des Feuerwerks ausgerechnet auf der Linzer Seite liegt, wo die meisten Zuschauer sind. Auf unserer nächsten Etappe werden wir morgen auf jeden Fall noch an einigen hochgelegenen Plätzen vorbei kommen, an dem offensichtlich das Spektakel in privaterem Rahmen gefeiert wurde.

Verbrauch: Butterbrote und Käse, 1 Kanne Tee, Wanderwein und 2 Äpfel auf 14 Kilometern

Ein Sonntagsspaziergang

Der letzte Tag zeigt sich noch einmal von seiner besten Seite. Sowohl wegen des Wetters als auch wegen der Strecke. Kurz vor Unkel finden wir auf einer windgeschützten Lichtung eine dieser wellenförmigen Sonnenliegen aus Holz. Der perfekte Platz, um die Wanderung gemütlich ausklingen zu lassen und unsere Lebensmittelreste zu vernichten. Auch hier rocken wir mit unserem Picknick wieder den Wald. Der Grund sind unsere Weingläser, deren Stiel man zum Verpacken abschrauben kann. Dass sie aus Kunststoff sind, sieht man nicht und so bekommen wir auch hier wieder neidische Kommentare von vorbeikommenden Wanderern.
Viel zu schnell sind wir danach in Unkel, von wo wir mit dem Schiff nach Bonn fahren.

Verbrauch: Brot, Käse, Äpfel, Obstriegel, ½ Flasche Wanderwein, 1 Kanne Tee, 2 Kaffee, 2 Pils, 2 Eis auf 10 Kilometern

Fazit: Wer ausschließlich die Ruhe in der Natur sucht, findet woanders bessere Strecken. Das Rheintal ist einfach zu dicht besiedelt und die sagenhafte Schönheit des Rheins hat in den letzten 150 Jahren der Industrialisierung doch etwas gelitten. Trotzdem ist es den Machern gelungen, einen erlebnis- und abwechlungsreichen Weg zu schaffen der oft nur über schmale Pfade führt. Trotz des oft zu hörenden Verkehrslärms fand ich die Strecke schöner als am Rothaarsteig, wo es zwar ruhig war, der Weg aber häufig über breite Forstwege verlief. Ein wenig Kondition sollte man schon mitbringen, da es sehr viele Steigungen gibt. Die Vorabbuchung der Zimmer wäre wohl dieses Mal trotz des langen Wochenendes nicht zwingend nötig gewesen, da es reichlich Unterkünfte gibt. Geschadet hat sie aber nicht. Immerhin hatten wir dadurch sehr schöne und preisgünstige Zimmer.

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare zu „Rheinsteig 2014

  1. Ein schöner Text, und noch schönere Fotos. Grundsätzlich bekomme ich da direkt Lust auf einen Abstecher an den Rhein. Wenn ich mir jedoch Eure Verpflegung so ansehe, war die doch sehr „(butter)brotlastig“ 😉 Gibt es in der Region nichts richtiges zu essen, oder lebt Ihr generell so gesund?

    Einen Tipp hätte ich noch für Euch: Wie wäre es denn, wenn Ihr Euch mal ein paar Radtouren im Bayerischen Wald anseht? Dort gibt es sowohl ruhige als auch erlebnis- und abwechslungsreiche Routen zu entdecken. Auch grenzübergreifend in Richtung Österreich und/oder Tschechien.

    Viele Grüße aus dem Bayerwald!

    1. Ich finde, es gibt unterwegs nichts besseres als ein Picknick irgendwo in der Natur. Immer verfügbar und mit etwas Glück mit spektakulärer Aussicht. Die ungesunden Sachen gab es dann abends.

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