Fachwerk und Denkmäler

Eine Radreise von Soest nach Leipzig

Fachwerk und Denkmäler

Pläne verwerfen konnte ich schon immer gut, doch unsere diesjährige Tour toppt an Spontanität alles. Monatelang war klar, dass wir in Bayern an der Isar fahren, doch einige Wochen vor der Fahrt wird der Plan aufgegeben, weil wir eventuell auf unser Auto zur Anreise verzichten müssen. Statt dessen beschließen wir, kurz vor der Abreise das Ziel aufgrund der Windrichtung im Wetterbericht abhängig zu machen. Eine Wette mit dem Wetter, denn wenn sich der Wind unterwegs dreht, wollen wir natürlich auch nicht im Kreis fahren. Wenige Tage vor der Abfahrt heißt es dann „Nordwind“. Blöd: wenn wir nach Süden wollen, stehen wir praktisch sofort vor den Bergen und die hören so schnell auch nicht mehr auf. Heike gibt ihre Abneigung gegen Bergfahrten zwar mittlerweile etwas auf, aber ich möchte sie ja auch nicht gleich wieder verschrecken. Wir beschließen in Bremerhaven zu starten um den maximalen Anlauf durch flaches Gelände zu haben. Ganz kurz vor der Abreise kommt dann allerdings eine kleine Sportverletzung dazwischen und deshalb gibt es jetzt die etwas verkürzte Variante ohne lange Anreise direkt von Soest aus. Auch der Wind hat mittlerweiler gedreht und deshalb heißt das neue Ziel nun Leipzig. Der Weg (Der eigentlich mehr ein Korridor ist. Den Weg legen wir jeden Abend neu fest) führt vorbei an vielen Denkmälern, Sehenswürdigkeiten und Weltkulturerbeorten. Für mich, der Reiseführer gerne als Negativliste nutzt und an Städten vor allem den Gesamteindruck schätzt, ein wenig Neuland.

Im Land der Rasenmäher
Das Land ist flach, der Wind bläst von hinten und so kommen wir gut voran. Das Paderborner Land lässt sich fast komplett auf Feldwegen durchqueren, an denen nur ab und zu mal ein oder zwei einzelne Häuser stehen. Im Umfeld dieser Häuser gibt es keinen einzigen Grashalm, der länger als zwei Zentimeter ist. Niemals. Im Vorgarten: englischer Rasen. Alle Wegränder im größeren Umkreis: englischer Rasen. Immer wieder über viele Kilometer hinweg das gleiche Bild: Wege, Maisfelder, englischer Rasen. Als wir dann noch beobachten, wie ein älterer Herr eine riesige Rasenfläche mit dem Handmäher bearbeitet, fallen wir vollends vom Glauben ab. Gartenarchitekten gibt es in dieser Gegend übrigens nicht. Die sind alle Taxifahrer, weil jeder Garten außer der Rasenfläche nur ein paar Blumenbeete am Rand hat. Weitere Gestaltung ist überflüssig.
Ab Stuckenbrock sind wir fast schon wieder froh, unordentliche Vorgärten und ungemähte Wegeränder zu sehen. Es gibt sie noch, die normale Welt.

In Augustdorf machen wir eine Pause in einem Café und kommen mit der Wirtin ins Gespräch. Sie besorgt uns ein  Appartment in Detmold, doch bevor wir dorthin fahren, haben wir noch etwas Touristenprogramm vor uns. So kurbeln wir uns kurz vor dem Ende der Tour noch den langen, steilen Berg zum Hermannsdenkmal hoch. Eine dieser Attraktionen, die ich normalerweise nur im Vorbeifahren mitnehme, aber diesmal sind wir extra deswegen hier hoch gestrampelt. Voll ist es jedenfalls nicht. Ein Japaner, der seine mürrische Tochter ablichtet: „Happy!!!“. Ein paar Holländer und Polen. Das war’s. Das sollte aber nicht über den gigantischen Parkplatz hinwegtäuschen, der jetzt zwar fast leer ist, aber an sonnigen Sonntagen ein paar hundert Autos fasst. Leidlich imposant ist der alte Hermann  und auch ganz gut gebaut, aber leider ist er so im Wald eingewachsen, dass man außer Bäumen nur Herrmann sieht.  Da wir noch unser ganzes Gepäck dabei haben, sparen wir uns den Aufstieg, gucken dem alten Hermann von unten unters Gewand und halten es statt dessen mit Heinrich Heine: Müde Beine, saure Weine, Aussicht keine.
Interessant sind die Inschriften am Sockel des Denkmals. Wird heute davor gewarnt, nichts ins Internet zu schreiben, was einem später peinlich sein könnte, so galt das damals für die Errichtung von Denkmälern. Baumeister Baudel war damals offensichtlich jedoch nichts peinlich und so strotzen die Sprüche vor Nationalismus und Rassismus. Da wird die Verwelschung des deutschen Volkes beklagt und auf die Franzosen geschimpft, was das Zeug hält. Die Schautafeln am Fuß des Denkmals relativieren das mehrsprachig und entschuldigen es mit dem Geist der Zeit.
Nun ja: Würde man die Texte einmal in ein modernes Deutsch übersetzen und die Franzosen durch die aktuell unbeliebte Nationalität ersetzen, kämen sie einem in Zeiten von Sarrazin (und Le Pen und Wilders) gar nicht so ungewöhnlich vor. Mit dem Geist der Zeit ist es wohl wie mit der Mode: Es kommt alles wieder.

Nach einer rasanten Abfahrt haben wir in Detmold fast hundert Kilometer auf dem Tacho. Geplant sind alle Etappen mit der Hälfte, aber irgendwie waren wir heute nirgends, wo sich das Anhalten gelohnt hätte und mit Rückenwind lief es einfach zu gut. Detmold dagegen ist ein echtes Schmuckstück, wo wir den Abend noch nett in einem Brauhaus ausklingen lassen.

Touristische Highlights:
**           Paderborner Land (Parklandschaft mit englischem Rasen und taxifahrenden Gartenarchitekten)
*****     Café zwischen Rathaus und Blumenladen in Augustdorf (Kuchen und Kaffee zu kleinen Preisen)
****       Hermann (Kletterwald, Gastronomie, Riesenparkplatz, schweißtreibender Anstieg, nervenzerfetzende Abfahrt)
*****    Detmolder Landbier (direkt in der Brauerei)

Steine und Palmen
Den Morgen verbummeln wir in Detmold. Heike wäre sogar gerne noch einen Tag geblieben, aber sofort nach einem Tag fehlt mir dafür noch die Geduld.
Bis 1918 war hier noch ein Fürst von der Lippe in Amt und Würden. So gibt es hier neben vielen niedlichen Fachwerkhäusern noch ein Schloss, ein Theater und was so Fürsten sonst noch an Prunkbauten zum Leben brauchen. Erst nach 11 Uhr brechen wir auf und sind nach einigen knackigen Steigungen pünktlich zu Mittag an den Externsteinen. Die richtige Art die Steine zu besichtigen, besteht darin, auf der Wiese davor zu picknicken. Das Geld für den Aufstieg muss man dagegen nicht unbedingt ausgeben. Es gibt einen Blick ins Land und etwas Gedrängel auf den Treppen, aber spektakulär sind die Externsteine vor allem von unten. Jedenfalls wenn, wie jetzt, der riesige Parkplatz fast leer ist.
Hinter Horn führen die offiziellen Radrouten über Pfade, die eigentlich selbst als Wanderwege noch abenteuerlich sind. Wir bekommen die volle Schlammpackung und Heike versinkt bis zum Knöchel im Modder, als sie schließlich aufgeben muss und absteigt. Nachdem mich Christian angefixt hat, kann ich mich für so etwas durchaus begeistern.

Nachmittags machen wir Pause in einem Café in Schieder. Hinter uns sitzen zwei ältere Damen, deren Gespräch wir zwangsläufig mit anhören müssen.
Änni: „Warste heute schon im REWE?“
Hedwig: „Nee, ich brauch nichts.“
Änni: „Da sei men froh“
Hedwig: „Is ja auch immer viel los“
Änni: „Meine Schwester is ja nu auch schon über 85“
Hedwig: „Ich kauf immer im ALDI“
Änni: „Und mein Schwager is ja jetz schon zwei Jahre tot“
Hedwig: „Hast Du die Henni eigentlich mal wieder gesehen?“
Änni: „Ich geh gleich innen REWE“
Hedwig: „Da muss ich auch noch hin.“

Es mag an der Bewölkung liegen, aber so richtig begeistern können wir uns für den Ort nicht. Wir beschließen, noch bis Bad Pyrmont zu fahren und ich habe ein wenig Sorge, dass es dort ähnlich ist. Mit Bädern verbinde ich irgendwie immer gepflegte Langeweile. Statt dessen finden wir eine recht mondäne Stadt mit vielen Restaurants, einer schönen Innenstadt und einem riesigen, wunderschönen Park vor. Wenn schon Goethe hier gekurt hat, kann es ja eigentlich auch nicht schlecht sein. Den Abend lassen wir zwischen Palmen ausklingen, während wir die Fledermäuse bei ihrem akrobatischen Flug beobachten.

Touristische Highlights:
***** Detmold (gemütliches Städtchen mit liebevoll restaurierten Fachwerkhäuschen)

***** Rosinenpickert (eine lippische Spezialität. Pfannkuchen mit Hefe. Eignet sich gut zum Mitnehmen und picknicken, obwohl man es eigentlich mit Rübenkraut isst.)
****   Externsteine (nur gut, wenn man schön unten bleibt. Picknick nicht vergessen!)
***** Das lippische Radwegenetz (Wie wandern, nur im Sitzen. Verschönert Fahrräder und Packtaschen mit Schlamm)
**       Schieder (Trotz Schloß und Schloßpark kommt es uns ein wenig trostlos vor. Haben wir hier etwas übersehen?)
**       Schieder-Stausee. (Es gibt einen Dampfer und ein paar Tretboote. Und rollatorgerechte Wege)
***** Bad Pyrmont. (Vielleicht liegt es auch an der Sonne, die abends noch rauskommt. Überraschend hübsch.)

Alter Schwede
Sofort beim Start am nächsten Morgen stellen wir mal wieder fest, wieviel Freude man den Leuten bereiten kann, wenn man mit dem Rad unterwegs ist.  Der ältere Herr, der kurz nach uns das Hotel verlässt, muss uns jedenfalls noch unbedingt rund um das ganze Haus bis zum Radschuppen folgen, nur um kurz um die Ecke zu gucken, uns eine gute Fahrt zu wünschen und dann wieder zu verschwinden.
An der Emmer entlang geht es bis zur Weser über eine landschaftlich schöne Strecke. Schön bleibt die Strecke auch auf der anderen Seite der Weser, aber die vielen Schotterpisten kosten doch sehr viel Kraft und Zeit. Von weitem sehen wir Schloss Hamelburg und Schloß Nordstemmen aber trotz unseres Vorsatzes, alle Sehenswürdigkeiten mitzunehmen, können wir uns nicht zu einem Umweg entschließen um sie zu besichtigen.
85 Km später kommen wir in Hildesheim an. Unsere Unterkunft ist ein Design-Hotel . Alles ist schick durchgestylt, in bunten Farben und runden Formen. Leider fehlt vor lauter Design der Platz für so praktische Dinge wie Handtuchhalter. Wir bleiben zwei Nächte in diesem lustigen bunten Ambiente. Hildesheim hat schließlich Weltkulturerbe zu bieten, da darf man nicht einfach weiter fahren.
Es regnet leider ziemlich stark, als wir uns abends noch einmal auf den Weg machen. In Hildesheim findet eine Bierbörse statt. An jedem Bierwagen gibt es ein anderes Bier aus irgendeinem Teil der Welt. Obwohl mir das Prager Bier besser geschmeckt hat, bleiben wir am Ende beim polnischen Bier hängen, einfach deshalb, weil dort eine Musikbühne steht und es mittlerweile so schüttet, dass wir uns unter dem Dach nicht mehr wegbewegen wollen. Neben uns steht ein schwedisches Ehepaar, mit dem wir ins Gespräch kommen. Beide sprechen Deutsch. Anita, vielleicht wegen ihrer deutschen Mutter, etwas besser. Sie muss immer aushelfen, wenn Lasse nicht weiter kommt. Wir unterhalten uns nett und ich bin ziemlich froh, dass dabei jeder weiterhin sein Bier selbst bestellt. Lasse legt ein atemberaubendes Tempo vor und hat zusätzlich zu jedem Bier immer noch mehrere Schnäpse vor sich stehen. Wenn ich da mithalten wollte, bräuchte ich den morgigen Tag nicht zur Stadtbesichtigung sondern zum Ausnüchtern. Lasse und Anita dagegen wollen morgen noch nach Heiligenhafen fahren. In kürzester Zeit hat Lasse sich die Kante gegeben und fängt an, Deutsch durch Englisch zu ersetzen aber dafür deutsches Liedgut zum Besten zu geben. Sein Lieblingslied ist „Klingeling, hier kommt der Eiermann“.  Man fragt sich schon, welchen Eindruck unsere Kultur auf andere Völker hinterlässt.

Touristische Highlights:
****     Emmer-Radweg (rechts und links Berge, in der Mitte Wiesen und ein Fluss)
****       Ein Zimmer in der Villa Kunterbunt (Design ist alles)
*****     Bier aus alle Welt und losgelassene Schweden. (Wenn wir schon von zu Hause starten, können wir das Ausland ja wenigstens zu uns kommen lassen)

Weltkulturerbe I
Hildesheim hat ein paar Bauwerke, die es zum mittlerweile etwas inflationär vergebenen Titel Weltkulturerbe gebracht haben. Wir haben uns jetzt alles angeschaut, es war auch alles sehr schön (Der Marktplatz sogar besonders schön) aber ob es nun wirklich so einmalig ist, sei einmal dahingestellt. Leider hat Hildesheim kurz vor Kriegsende noch die volle Ladung abbekommen. So gibt es nun ein fast geschlossenes Stadtbild aus Nachkriegsbauten zwischen denen die wenigen erhaltenen oder seit den 80er Jahren rekonstruierten Altbauten stehen. Das ergibt einen schönen Kontrast und eine lebendige Stadt. Wenn man sieht, wie der Titel Weltkulturerbe aus manchen Städten ein Freilichtmuseum macht, ist es am Ende vielleicht sogar besser so.

Touristische Highlights:
*****    Knochenbrecher Amtshaus am Markt. (Besonders interessant sind die modernen Malereien an der Seitenfassade des Hauses, die die altertümliche Symbolik des Giebels fortsetzen.)
*****   Stadtbild am Markt (Viel rekonstruiertes Fachwerk)
*****   Aufstieg auf den Turm der Andreaskirche (Ganz Hildesheim auf einen Blick)

Über Land
Am nächsten Morgen ist es recht kühl und das soll auch fast den ganzen Tag so bleiben. Der kalte Wind lässt die Erinnerung an den Sommer verblassen aber immerhin weht er meist von hinten. Dummerweise ist heute Sonntag und so schaffen wir es, auf den ganzen 60 Kilometern bis Goslar an keinem einzigen geöffneten Café vorbeizukommen um uns aufzuwärmen. Mit nur wenigen kurzen Pausen sind wir so früh in Goslar – wo plötzlich wieder die Sonne scheint. Den ganzen Tag haben wir gefroren und nun sitzen wir hier in der Sonne und können sogar schon wieder Eis essen. Die Stadt ist recht touristisch und mit dem obligatorischem Weltkulturerbe, der Bimmelbahn und den Kutschfahrtangeboten ausgestattet. Trotzdem schafft Goslar den Spagat, das nicht zu aufdringlich heraushängen zu lassen und auch noch ein ganz normaler Ort zu bleiben. Deshalb werden wir hier morgen gleich noch einen Pausetag einlegen. Wir sind ja nicht auf der Flucht.

Touristische Highlights:
**         Auf der Strecke (Schöne Landschaft. Bitte fahren Sie weiter, wir verkaufen nichts)
***       Blick auf den Brocken (ungemein motiviernd)
*****   Marktplatz von Goslar (Eis, Sonne, Fachwerk)

Weltkulturerbe II
Wie geplant fahren wir heute mal nicht. Statt dessen bummeln wir durch Goslar, schoppen, und machen was Touristen so machen.
Unsere Unterkunft liegt sehr ruhig aber doch in Innenstadtnähe in einer alten Villa, so dass man dort immer mal wieder aufschlagen kann um sich umzuziehen, zu trinken oder Einkäufe abzuladen. Sobald wir die knarzende Treppe zum zweiten Stock (eine Showtreppe, über die man schreitet wie eine Hollywood-Diva) betreten, kommt Otto, der Vermieter, aus seiner Wohnung. Dann muss erst mal genauestens Auskunft gegeben werden, ob alles in Ordnung ist, wo es noch hingeht und wo wir gerade herkommen. Jedes Mal! Wir überlegen, ob wir ihn nicht ab und zu anrufen sollen, um ihn über unsere Standortwechsel zu informieren.

Touristische Highlights:
****     Shoppen in Goslar (Für 50000 Einwohner gibt es hier ganz schön viele Geschäfte)
****      Kaiserpfalz (imposanter Großbau. Das Wetter war zu schön für eine Besichtigung aber hinter der Kaiserpfalz gibt es einen schönen Park)
****      Dom (Der Name ist ein wenig großspurig für das kleine Kapellchen, das vom Dom noch übrig ist)

***       Otto (find ich gut)
*****   Erzbergwerk Rammelsberg (Helm auf und Kopf einziehen. Zu Fuß durch tropfende Stollen)

Dom an Platte
Morgens regnet es Bindfäden und wir beschließen erst mal bis um 11 Uhr abzuwarten, bevor wir uns entscheiden ob wir weiter fahren.  Auch ein zweiter Gast, der ebenfalls mit dem  Rad gestern noch spät gekommen ist, sieht das so. Während des Frühstücks leistet uns Otto auf seine sympathische aber auch leicht schrullige Art immer mal wieder Gesellschaft.
Um halb elf hört es auf zu regnen und wir beschließen weiter zu fahren. Unter tropfenden Bäumen machen wir uns auf den Weg durch die Wälder des Harzes. Noch einmal werden unsere Räder mit einer Schlammschicht geadelt, aber wir haben Glück. Ein letzter Regenschauer kommt herunter, als wir gerade Mittag in einer Schutzhütte machen, anstonsten bleibt es trocken.

Das zentrale Thema unserer bisherigen Reise war Fachwerk. Überall. Auch in Wernigerode, das sein Stadtbild zusätzlich noch mit Extrem-Merchandising aufhübscht. Der ganze Ort wimmelt von Verkaufsstellen für Schierker Feuerstein, Hexen und Taschenmessern mit Hirschhorngriffen. Vielleicht reicht es jetzt erst mal mit Fachwerk. Ein Prospekt aus Halberstadt , den ich in unserer Goslarer Wohnung gefunden habe,  gibt den Ausschlag für unser nächstes Ziel. Dort wird ernsthaft damit geworben, dass man Halberstadts Reize erst auf den zweiten Blick entdeckt. Wer so ehrlich in seine Prospekte druckt, dass der Ort auf den ersten Blick reizlos wirkt, hat unsere Sympathie. Da müssen wir hin. Zur Abwechslung wahrscheinlich kein Fachwerk und der Halberstädter Dom hat es auch noch nicht zum Weltkulturerbe gebracht. Quedlinburg, das ursprüngliche Tagesziel, lassen wir dafür sogar fallen.
Sofort bei der Einfahrt in den Ort verstehen wir, was es mit den gut versteckten Reizen auf sich hat. Der Dom ragt aus einer Ansammlung Plattenbauten, die Fußgängerzone ist nach Ladenschluss trostlos und einige der Gebäude in der stolz ausgeschilderten Altstadt sind in einem bejammernswerten Zustand. Ein paar nette Ecken gibt es natürlich trotzdem und bewohnt wird Halberstadt von freundlichen, humorvollen Menschen mit einer lustigen Sprache.
Hier sind wir heute abend richtig. Eine Stadtbesichtigung dauert nicht lange und so können wir uns voll auf unser gemütliches Zimmer und das gegenüberliegende Restaurant konzentrieren.
Unsere Räder sind derweil gut untergebracht. Mangels Radschuppen durften wir sie in ein zweites freies Hotelzimmer schieben, wo sie nun schlammverspritzt auf dem Teppich stehen.

Touristische Highlights:
*****     Wälder und Berge (Selbst im Regen schön)
**           Luchse (leider unsichtbar)
***        Wernigerode (langsam reicht es mit dem Fachwerkkitsch und Schierker Feuerstein macht es auch nicht besser)
*****    Radweg von Wernigerode nach Halberstadt an der Holtemme (landschaftlich ansprechende Rennstrecke mit kurzen Schlammeinlagen)
****      Martinikirche in Halberstadt (mit ihren unterschiedlichen Türmen).
**          Bibel in Hotelschubladen (1. Korinther, 11: Modetipps für die Frau)

Richtig Stadt
Einer der offensichtlicheren Reize Halberstadts (und auch der eigentliche Grund für uns, hier hin zu fahren) ist, dass man von hier in einer Stunde ohne Umsteigen mit dem Zug nach Halle fahren kann. Das ist nötig, weil wir mal wieder zu viel gebummelt haben und uns den Zielort Leipzig nicht nehmen lassen wollen. Wo wir schon mal in Halle sind, müssen wir uns natürlich auch dort ein wenig umschauen bevor es weiter geht. Die Innenstadt hat sich dann auch ganz nett herausgeputzt. Große Plätze, Straßenbahnen, jede Menge Menschen und Häuser aus richtigen Steinen mit mehr als zwei Stockwerken. Endlich wieder eine richtige Stadt.
Doch dann müssen wir hinaus und vorbei ist es mit der Herrlichkeit. Über rumpeliges Kopfsteinpflaster geht es an verrottendenen Häusern vorbei. Warum der Elsterradweg über solche Strecken geführt wird, obwohl man den Fluss noch nicht mal sieht, wissen nur die Straßenplaner von Sachsen-Anhalt. Auf der parallel laufenden Landstraße, auf der wir am Ende doch landen, wären wir trotz fehlendem Radweg besser aufgehoben gewesen.

Irgendwann sind wir in Sachsen und alles ist wieder gut. Der Elster-Radweg führt hier, vorbei an hübschen Dörfern, über eine glatt asphaltierte Deichkrone, anschließend über Waldwege und ganz plötzlich steht man mitten in Leipzig. Angekündigt hat sich die Stadt lediglich durch ein erhöhtes Jogger- und Radfahreraufkommen zum Schluss. Kurz vor dem Ziel haben wir dann doch noch die obligatorische Reifenpanne. Diesmal direkt vor einer gut frequentierten Gruppe von vier Bänken. Der Schaden ist unter den Kommentaren der interessierten Mitbürger schnell behoben. Nach diesem vergnüglichen Showflicken hätte ich allerdings wenigstens ein wenig Applaus erwartet. Undankbares Volk!
Die nächsten anderthalb Tage verbringen wir noch bei idealem Wetter in Leipzig. Ein wenig verfallen wir hier wieder in alte Gewohnheiten. Wir lassen einige must-seens wie Auerbachs Keller einfach aus und trinken dafür lieber Bier im Biergarten der Moritzbastei. Das Flair dieser belebten Stadt mit seinen vielen, schön rennovierten alten Häusern ist hier tatsächlich die eigentliche Attraktion. Immerhin fahren wir noch zum Völkerschlachtdenkmal, wenn auch zu spät, so dass wir nicht mehr in die Ruhmeshalle hineinkönnen. Der Ausblick ist aber auch schon ganz schön, wenn man so hoch klettert, wie man ohne Eintrittskarte kommt. Lohnend ist auch die zweistündige Stadtführung, in der weniger Jahreszahlen und statt dessen Geschichten und Anekdoten erzählt werden. Nutzloses Wissen auf unterhaltsame Weise präsentiert.
Leipzig hat für Radfahrer übrigens vieles richtig gemacht. Es gibt ein zusammenhängendes Radwegenetz mit ausreichend breiten Wegen, allerdings auch mit  etwas magerer Beschilderung. Es macht Spaß sich unter die vielen Radfahrer zu mischen, die hier unterwegs sind. So könnte man den Radius hier gut noch etwas ausweiten und etwas länger bleiben, aber leider fehlt dafür die Zeit. Auch den geplanten Kabarettbesuch müssen wir leider fallen lassen, weil der Tag zu kurz ist.
Am nächsten Tag machen wir uns daher mit Nahverkehrszügen auf den Weg nach Hause. Nicht ganz so komfortabel, wie im IC aber dafür so kurzfristig gebucht noch immer bezahlbar.

Touristische Highlights:
***        Halle (Fünf Sterne, wenn man die Innenstadt nicht verlässt)
**          Hallorenkugeln (Früher war nicht alles besser)
*            Elsterradweg in Sachsen-Anhalt (lasst es dann doch lieber ganz)
***        Elsterradweg in Sachsen (Rennstrecke vorbei an netten Dörfern)
*****    Leipzig (endlich richtig Stadt)
*****    11-Uhr-Führung durch Leipzig (Die Dame weiß Geschichten zu erzählen)
****      Völkerschlachtdenkmal (imposanter Haufen Steine)
****      Südfriedhof (Idylle im Schatten des Völkerschlachtdenkmals)
*****    Leipziger Hauptbahnhof (Kathedralenhafte Architektur und Einkaufen bis in die Nacht)

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3 Kommentare zu „Fachwerk und Denkmäler

  1. Im Pläneumschmeißen sind mein Mann und ich auch sehr gut, aber das ist ja auch das Schöne am Radwandern. Eine schöne Tourenbeschreibung mit tollen Fotos und vielen Anregungen. Man müsste viel mehr Urlaub haben. 🙂

  2. Sehr ausführlich beschriebene Reise, welche Mühe in Deinem Artikel steckt, Hut ab! 😊 Ich hab’s heute nur überflogen, komme aber gerne wieder. bg und immer einen leichten Zug Rückenwind wünsche ich Euch! ☺

    1. Die Mühe hält sich in Grenzen, wenn man sofort Abends alles aufschreibt. Nun gut, am Ende wird noch einmal redigiert, gegengelesen, umgeschrieben und Bilder hinzugefügt. Aber welches Blog macht schon keine Mühe. Du wirst das kennen, denke ich 😉

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